Tagungsbericht 2010

20 Jahre Fachkreis Turmuhren in der DGC

Internationales Turmuhrensymposium,

22. bis 25. April 2010, in der Akademie des Handwerks,

Schloss Raesfeld, D-46348 Raesfeld

          

Das Jahrestreffen des F-K-Turmuhren ist immer ein wichtiger Termin für die Mitglieder aus Deutschland und den benachbarten Ländern. Seit zu dieser Veranstaltung international eingeladen wird, kommen immer mehr Freundinnen und Freunde der Turmuhr aus unseren Anrainerländern. In diesem Jahr begrüßten wir Teilnehmer aus England, Italien, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und den USA. Bei einer Teilnehmerzahl von über 90 Personen war die Bettenkapazität des beschaulichen Ortes Raesfeld, es liegt im Münsterland, schnell erschöpft. Entlastung brachten hier Privatquartiere bei Freunden.

Bild 1, Blick auf den Schlosshof

Das Symposium stand ganz im Zeichen der fachlichen Auseinandersetzung mit dem Themenkreis Turmuhren. In verschiedenen Arbeitsgruppen wurde in Theorie und Praxis gearbeitet. Die angemieteten Tagungsräume und Werkstätten der Akademie gaben die Möglichkeit die gewählten Themenschwerpunkte in Wort und Tat umzusetzen.

Bild 2, In der Schmiede wartet dass Uhrwerk aus dem Sterndeuterturm auf Restaurierung

Seit der Gründung des Fachkreises vor 20 Jahren haben die Mitglieder länderübergreifend Ihre Erfahrungen ausgetauscht und den Wissensstand vertieft; so auch in diesem Jahr. Die gemeinsame Arbeit hat im Laufe der Jahre viele neue Erkenntnisse gebracht und dabei auch manchmal Überliefertes in Frage gestellt, bzw. fachlich begründet und alte Thesen korrigiert.

Über dem Schlosshof wehte die Flagge des F-K-Turmuhren während die Teilnehmer am Symposium anreisten. Nach der persönlichen Begrüßung gab es eine Führung durch die Werkstätten und Tagungsräume der Akademie und einige geschichtliche Hintergründe zum Schloss und der Akademie. Uhrmachermeister Reinhold Flüthe hatte zwischenzeitlich im Lehrsaal 1 einen kleinen Maschinenpark nebst Handwerkzeugen aufgebaut und zeigte handwerkliche Techniken aus dem Bereich der Veredlung von Kleinuhrwerken.

Bild 3, Einblicke in die Fertigungstechnik von Kleinuhren

Vor den Augen der Betrachter entstand ein Genfer-Streifenschliff auf einer Uhrwerksbrücke ebenso wie der Sonnenschliff auf einem Sperrrad einer Taschenuhr. Wartezeiten zum Abendprogramm wurden dadurch zu einem Einblick in die „Kleinuhrmacherei“.

Auftakt des Symposiums war ein gemeinsames Abendessen im Rittersaal des Schlosses, einer Wasserburg mit Ursprüngen und Gebäudeteilen aus der Renaissance.

Im Anschluss daran gab es einen Einführungsvortrag zur Astronomischen Uhr im Dom zu Münster. Dr. Bernd Mosel, der sich seit geraumer Zeit mit dieser Uhr beschäftigt, bereitete auf den am nächsten Tag bevorstehenden Besuch des Domes zu Münster vor.

Am folgenden Tag, Feitag, reisten die Teilnehmer erwartungsvoll nach Münster. Dort warteten bereits Domführer und Stadtführerinnen um die Besonderheiten des St. Paulus Domes und der Stadt zu erläutern. Dr. Mosel erklärte die astronomischen Indikationen der Uhr vor Ort und es gab reichlich Gelegenheit Film oder Chip der Kameras zu füllen.

 

Bild 4 Teilansicht der Astronomischen Uhr

Nach der Dombesichtigung teilten sich die Gruppen, einige folgten den Stadtführerinnen. Eine der Damen führte die Gruppe mit unseren englisch sprechenden Teilnehmern und brachte ihnen die schönen Seiten von Münster in ihrer Landessprache nahe. Der Gang durch den historischen Stadtkern, bei strahlendem Sonnenschein, war ein besonderes Erlebnis. Die Krönung war jedoch für viele der Besuch des Friedenssaales im Historischen Rathaus von Münster. Hier wurde am 15. Mai 1648 ein wichtiger Teilvertrag des Westfälischen Friedens beschworen, das war das Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Die mehr an Uhren interessierten, es waren nicht nur Herren, fuhren mit einem Bus weiter nach Telgte. Telgte liegt vor den Toren von Münster und wartete mit drei wichtigen Besonderheiten auf. Unsere Mitglieder, Dr. Henning Thoholte und Uhrmachermeister Reinhold Flüthe hatten zum Besuch einer kleinen privaten Turmuhrsammlung und zur Besichtigung einer Uhrmacherwerkstatt für die Restaurierung von historischen Uhren eingeladen.

Bild 5,Turmuhrwerk von Rochlitz Berlin, 1880

Herr Flüthe sen. freute sich zur gleichen Zeit im Museum Heimathaus Münsterland auf unsere Gruppen. Herr Flüthe sen. seines Zeichens ebenfalls Uhrmachermeister ist nun im Ruhestand, aber sein Herz schlägt nach wie vor für die Uhrmacherei. In einer kleinen Uhrmacherwerkstatt im Museum verblüfft er, er hat die 75 bereits überschritten, noch immer die Besucher mit Dreharbeiten von höchster Genauigkeiten am Drehstuhl. Dr.Thoholte gab in seinem Privathaus einen Einblick in sein Uhrenhobby. Turmuhren haben es ihm besonders angetan. Sein Grundsatz ist, nichts Restauriertes erwerben, alles selbst machen, darin liegt die Würze. Von Haus aus ist er Mediziner, und Uhren sind da ein guter Ausgleich.

Bei Reinhold Flüthe jun., Uhrmachermeister und Restaurator, warteten in seiner Werkstatt neben vier Uhrmacherinnen und Uhrmachern auch viele Uhren auf uns. Hier wird alles repariert und/oder restauriert was ein Uhrwerk hat. Von der Spindeltaschenuhr bis zur Standuhr mit Carillon.

Bild 6, Herr Flüthe sen. am Drehstuhl

Alle besichtigten Orte hinterließen einen tiefen Eindruck vom Einblick in Hobby und Beruf. Schön war es auch, auf gestellte Fragen fachlich fundierte und kluge Antworten zu bekommen. Rasch verging die Zeit und die Fahrt zurück nach Raesfeld drängte. Der Abend war ausgefüllt mit einem Besuch bei Josef und Ina Schröer in Bocholt. Die Turmuhrsammlung dort war, vor allem für unsere neuen Mitglieder und ausländischen Gäste, ein besonderer Höhepunkt und Ausklang des erlebnisreichen Tages.

Bild 7 Im Museum von Josef und Ina Schröer

Einige unermüdliche trafen sich im „Hotel am Sterndeuterturm“ zum offenen Singen. Lothar Bornschein, hatte neben seiner Gitarre auch Texte von geselligen Liedern mitgebracht und einer fröhlichen und sangesfreudigen Runde stand nichts im Wege.

Der nächste Tag, Samstag, gehörte den verschiedenen Aktivitäten einzelner Arbeitskreise. Auf die Werkstätten und Seminarräume der Akademie verteilt, trafen sich die unterschiedlichsten Interessengruppen.

Turmuhrenbau gestern und heute, dazu waren im Lehrsaal 1 von unseren Mitgliedern mitgebrachte, besondere Turmuhrwerke ausgestellt.

Bild 8, Freischwinger von Fuchs & Sohn, Bernburg

Einen besonderen Raum nahm die Kategorie „Freischwinger“ ein. Manfred Harig zeigte neben einem Freischwinger von Fuchs und Sohn aus Bernburg ein Turmuhrwerk mit einer Hemmung von Pfarrer Feller.

Bild 9, Freischwinger mit einer Hemmung nach Pfarrer Feller

Dieses Uhrwerk, das als nicht funktionsfähig in die Hände von Manfred Harig kam, erfuhr unter seinen Händen und dank akribischer Forschungsarbeit eine wahrhafte Auferstehung und ist heute wieder voll funktionsfähig. Dritter Freischwinger im Bunde war ein Werk das Karl-Hans Schüttler mitgebracht hatte.

Bild 10,Turmuhrwerk eines noch unbekannten Herstellers, mit freischwingendem Pendel nach Feller

Ein Uhrwerk, wie es kaum jemand gesehen hatte, von besonderer Schönheit und verblüffender Technik. Wie die Uhr von Manfred Harig war sie, nicht funktionsfähig und teilweise zerstört, entdeckt und wieder zu neuem Leben erweckt worden. Gerade hier wurde deutlich, wie wichtig der Austausch von Fachwissen und Erfahrung ist, um auf diesem komplexen Gebiet zum Erfolg zu kommen. Erst dadurch konnten beide Werke wieder funktionsfähig gemacht werden. Eine weitere Turmuhr hatte Lothar Bornschein mitgebracht. Es ist ein kleines Turmuhrwerk, Gehwerk, mit Stiftengang und nach dem Vorbild einer musealen Turmuhr neu erstanden. Über den Bau der Turmuhr und seine Erfahrung während der Bauzeit hat Lothar Bornschein ein kleines Buch geschrieben, das über den Fachkreis Turmuhren erworben werden kann. Nicht fehlen durfte das von der „Schmiedemannschaft“ im F-K-Turmuhren hergestellte Werk einer geschmiedeten Turmuhr nach historischem Vorbild.

 

Bild 11, Das von F-K-Turmuhren nach historischem Vorbild von ca. 1740 geschmiedete Werk

Klaus Goerke und Christian Borck stellten dieses Werk vor und gaben eine Einführung in seine Entstehungsgeschichte. Für den Bereich „Elektrische Ansteuerungen von Turmuhren und deren Regulierung“ hatte Ekkehard Koch ein Turmuhrwerk aus der Zeit um 1900, Fabrikat Mäder aus Andelfingen in der Schweiz, mitgebracht.

Bild 12, Turmuhrwerk von Mäder,Schweiz, ca. 1900

Dr. Bernd Mosel erklärte an dieser Uhr die elektrotechnischen und mechanischen Einrichtungen und deren Wirkungsweise. Eine kleine Ausstellung der vom F-K-Turmuhren veröffentlichen Literatur zum Themenkreis Turmuhren und der Vorstellung des neuen Fachbuches „Glocken, Turmuhren, Turmuhrbekrönungen in und um Bocholt“ von Josef Schröer rundeten das Bild ab.

In der Schmiede wurde gleichzeitig unter sachkundiger Leitung von Ralf Meyer, Schmiedemeister und Restaurator im Schmiedehandwerk, fleißig gearbeitet. Die Schlagglocke für eine Turmuhr in einem historischen Gebäude bekam einen neuen Schlaghammer. Das war eine der praktischen Arbeiten im Rahmen der gemeinnützigen Tätigkeiten des F-K-Turmuhren. In diesem Zusammenhang konnte selbst mitgearbeitet werden und es gab Antwort auf viele Fragen zur Schmiedekunst aus vergangenen Jahrhunderten.

 

Bild 13, Schmiedearbeiten für eine Schlagglocke

An einem weiteren Arbeitsplatz hatte Lothar Bornschein seine mitgebrachte Fräsmaschine zur Verzahnung von Rädern, wie sie zur Großuhrenherstellung erforderlich sind, aufgebaut. Hier wurde praktisch gearbeitet und es entstanden Zahnräder, die auch mit der Maschine ihre Radspeichen/Schenkel bekamen.

Bild 14, Verzahnung von Großuhr-Rädern

Es herrschte reges Treiben in der Schmiede und die Praktiker, leicht zu erkennen an schwarzen Händen und/oder Messingspänen in der Kleidung, waren begeistert.

Ruhiger war es im „Malersaal“ der Akademie. Thomas Muff, unser Mitglied aus der Schweiz, hatte einen Arbeitskreis zum Thema „Vergolden“ um sich geschart. Thema war das fach- und sachgerechte Vergolden von Metall.

Bild 15, Einführung in die Vergoldung

Als Arbeitsbeispiel standen römische Zahlen im gotischen Stil zu Verfügung. Jeder Seminarteilnehmer, und das waren sehr viele, konnte selbst ein Zahlenpaar vergolden.

Bild 15 a, im Malersaal

Es hatten sich auch erstaunlich viele der weiblichen Teilnehmer zu diesem Kreis gemeldet. Das Ergebnis war eine römische Zwölf die vor einem matt schwarzen Zifferblattsegment golden strahlt.

Bild 16, Vergolden, feinste Handarbeit

Das strahlen des Goldes wurde nur noch übertroffen von den leuchtenden Augen der Teilnehmer an diesem Arbeitskreis. Heute ziert diese schöne Arbeit sicher viele Schreib- oder Werktische.

Etwas grober war der Bereich der Arbeitsgruppe, die sich mit der Reinigung von Oberflächen an alten Uhrwerken beschäftigte.

 

Bild 17, Reinigung von Uhrenteilen unter restauratorischen Aspekten

Im Vordergrund stand auch hier die Erhaltung der Originalsubstanz unter restauratorischen Gesichtspunkten. Die von Thomas Muff und seinen Mitarbeitern vorgestellten Reinigungsmethoden erfüllen diesen Anspruch. Es wurde deutlich, dass es selbst für erfahrene Restauratoren immer neue Wege gibt eine gute Arbeit zu vollbringen. Eine gute Arbeit, die historisches Gut erhält und vorausschauend sichert.

Im Nebenraum war das Reich der weiblichen Teilnehmer des Symposiums. Hier waren die Themen völlig anders besetzt, doch nicht weniger gefragt. Ulrike Schuler gab einen umfassenden Einblick in die Porzellanmalerei. Aus ihrer langjährigen Schaffensperiode hatte Ulrike Schuler wunderschöne und selbst gefertigte Anschauungsstücke mitgebracht. Vor Staunen wurde bei der Betrachtung die „Luft angehalten“. In ihrer fröhlichen Art weihte Frau Schuler die sehr interessierten Damen in die Kunst des Porzellanmalens ein.

Bild 18, Ulrike Schuler, eine versierte Porzellanmalerin

Das ist wirklich ein Handwerk, das sowohl künstlerische Handfertigkeiten wie auch eine große Menge an Feinsinn und Geduld erfordert. Neben der Handfertigkeit sind großes Wissen über Farben, Glasuren, Brenntechnik und zu bemalendes Material erforderlich.

Bild 19, "Vorzeigestücke"

Nach dem Vortrag waren alle Teilnehmer tief beeindruckt von der Kunst der Porzellanmalerei im Allgemeinen und dem Können und Wissen von Frau Schuler.

Bild 20, Einführung das Drucken mit Handmodeln

Im Anschluss an diesen Vortrag ging es weiter mit praktischer Arbeit. Veronika Koch hatte zum Thema „Blaudruck“, in diesem Fall das Bedrucken von Stoff mit Handmodeln, eingeladen. Nach einer theoretischen Einführung ging es rasch ans Werk. Model wurden ausgesucht, Farben gemischt (es gab nicht nur das traditionelle blau) und ein Probedruck auf Papier versucht. War alles zur Zufriedenheit gelungen, wurde Stoff bedruckt.

Bild 21, Die Komposition feiner Muster

Es entstanden schön verzierte Taschentücher und Servietten. Das Material war altes Leinen, dass im Voraus auf Flohmärkten und im Bekanntenkreis von Frau Koch erworben wurde.

Bild 22, Die „Vorzeigestücke“ vom Samstag

Den in anderen Arbeitsgruppen tätigen Ehemännern konnten am Abend die schönen Ergebnisse der praktischen Nutzanwendung aus diesem Kreis nicht ohne Stolz präsentiert werden.

Handarbeit fand weiteren Raum. Ursula Flacke aus Münster zeigte gemeinsam mit einer Freundin Klöppelkunst aus Böhmen und dem Erzgebirge. Es ist wahrlich eine „Handarbeit“ die dem nicht Eingeweihten zunächst als unlernbar aber sehr schön darstellt. Dank der erklärenden Worte der beiden Künstlerinnen und der gleichzeitigen praktischen Vorführung konnte auch hier einiges Wissen mitgenommen erden. Die Teilnehmerinnen an diesen Arbeitskreisen waren so engagiert, dass sie am nächsten Tag ihr „Blaudruckerhandwerk“ fortsetzten um noch ein kleines Geschenk für ein Geburtstagskind aus ihrem Kreis zu erstellen und es damit zu beschenken.

Ein völlig anderes Thema hatte der Arbeitskreis Astronomische Uhren. Dr. Eberhard Zelinsky übernahm die Leitung dieses Arbeitskreises. Es war ebenso eine Einführung in dieses genauso schöne wie auch anspruchsvolle Thema.

Bild 23, Arbeitskreis „Astronomische Uhren“

 Der Anfänger konnte sich ebenso informieren wie der schon mit der Astronomie vertraute Teilnehmer. Basis bildete eine umfangreiche Literatursammlung, vom kostbaren antiquaren Buch bis zum neueren und preiswerten Nachschlagewerk. Dr. Eberhard Zelinsky gab gern sein Wissen preis und auf manche Frage konnte eine verbindliche Antwort gefunden werden. Es war erstaunlich festzustellen, dass sich doch viele aus dem F-K-Turmuhren mit der Astronomischen Uhr befassen und über großes Fachwissen verfügen. Dieser Arbeitskreis wird mit Sicherheit wachsen. Geplant ist der Bau einer einfachen astronomischen Uhr. Darüber wird zum gegebenen Zeitpunkt informiert.

Der Tag klang aus mit dem obligatorischen festlichen Abendessen im Rittersaal. Elegant gekleidet vorzügliche Speisen und Getränke in diesem erbaulichen Rahmen zu genießen war einfach schön. Gespräche über die Erlebnisse während der Tagung, über Arbeit und Vergnügen füllten den Raum. In diesem Rahmen wurden auch zwei verdiente Persönlichkeiten aus dem F-K-Turmuhren geehrt. Bernhard Schmidt, der Autor der bekannten Bücher „Turmuhrwerke“ und „Turmuhrwerke II“ wurde für diese Arbeit und sein Engagement im Fachkreis mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet. Manfred Harig, vielen bekannt für seine unermüdlichen Nachforschungen zum Thema „Freischwinger und Pastor Feller“ und die Rettung einer Uhr mit „Feller Hemmung“ erhielt ebenfalls eine Ehrenuhrkunde. Damit wurde unter großen Beifall beiden Herren gegenüber der besondere Dank des Fachkreises für geleistete Arbeit und ehrenamtliche Tätigkeit zum Ausdruck gebracht werden.

Der Sonntag war schon wieder Abreisetag. Doch pünktlich 9:00 Uhr begannen zwei umfassende Fachvorträge zum Thema „Astronomische Uhren“. Claus Peter, Glockensachverständiger der evangelischen Landeskirche von Westfalen, sprach über die astronomische Uhr im Dom zu Münster. Besonders interessant waren seine Ausführungen in Wort und Bild, da sie Auskunft über das alte, heute nicht mehr in Funktion befindliche Uhrwerk gaben. Danach gab es ein Kontrastprogramm, Dieter Schlagheck, seines Zeichens Physiker, berichtete über das von ihm entwickelte und gebaute Astrolabium. Hier ist modernste Technik aus dem Bereich der Fein(st)mechanik und Elektronik im Einsatz. Eine Uhr, passend für eine Wohnzimmerwand, mit allen erdenklichen Indikationen sowohl analog wie auch digital. Die Uhr und den aufschlussreichen Vortrag hier auch nur annähernd zu beschreiben würde jeden Rahmen sprengen. Vielleicht haben Sie ja einmal die Gelegenheit diese „Uhr“ zu sehen und den Vortrag von Herrn Schlagheck zu hören.

 

Bild 24, Eine Astronomische von höchster Präzision

Rasch war die Zeit vergangen, nach den Vorträgen gab es vor der Abreise noch einen Imbiss und die Stunde der Verabschiedung begann. Mit etwas Wehmut im Herzen, doch in der Vorfreude auf das nächste internationale Symposium 2011 in England, in Oxford, endete die Tagung. Nebenbei sei noch angemerkt, dass sich fünf der Teilnehmer und Teilnehmerinnen spontan zur Mitgliedschaft in der DGC entschieden haben.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass dieses Symposium mit seinen Besuchen von Kulturgütern, Sammlungen und praktischer Arbeit von den Beteiligten als etwas ganz besonderes empfunden wurde. Bleibt dem Chronisten nur noch seinen Dank auszusprechen an die Teilnehmer insgesamt, die Verantwortlichen für die Arbeitskreise und ganz besonders an die, die in mühevoller Arbeit Maschinen und Exponate mitgebracht haben. Eines der Turmuhrenteile hatte allein ein Gewicht von 160 kg. Sicher ist, dass auch dieses Internationale Symposium des F-K-Turmuhren weiter das Fachwissen vertieft Freundschaften gestärkt und zu neuen Verbindungen geführt hat.

Bleibt noch zu erwähnen, der F-K-Turmuhren hatte für Freitag und Samstag während des Symposiums ein Filmteam engagiert. Die Aktivitäten sollten als Film festgehalten werden um auch Außenstehenden einen Einblick in das „Leben“ dieser Gruppe zu ermöglichen. Der Inhalt sind Impressionen zu den vorerwähnten Themen. Der Film ist als DVD beim Fachkreis Turmuhren erhältlich. Der Kostenbeitrag für DVD, einschließlich Versand ist innerhalb von Deutschland 8,00 Euro.

 Ekkehard Koch

 

Tagungsbericht 2009

Fachkreis Turmuhren

Internationales Turmuhrensymposium,

23. bis 26. April 2009, in  5916 Venlo, Niederlande

         

Mit 95 Teilnehmern aus sieben Ländern (Belgien, England, Italien, Niederlande, Österreich, Schweiz und Deutschland) war es das 20. Treffen der Mitglieder und Freunde im Fachkreis Turmuhren in der DGC. Schon kurz nach der Terminverkündung zeichnete sich ab, dass auch dieses Treffen wieder einen großen Zuspruch hat und es war auch bald ausgebucht. Die fachliche Auseinandersetzung mit dem Themenkreis Turmuhren auf internationaler Ebene führt dazu, dass neben interessanten Besichtigungen wertvolle Fachvorträge angeboten werden. Dank der großartigen Unterstützung der niederländischen Mitglieder im FKT und deren gute Kontakte zu Unternehmen und Museen auf dem Gebiet der Turmuhren und Glocken war es eine ringsum gelungene Veranstaltung. Sprachbarrieren gab es keine, wie sich schon bei der Begrüßungsrede, in Niederländischer, Englischer und Deutscher Sprache gehalten, zeigte. Rechtzeitig zu diesem Symposium war auch die Fertigstellung des vom Fachkreis Turmuhren als Reprint herausgegebenen Buches von Louis Alexander Seebaß "Praktische Anweisung zur Behandlung und Reparatur der Turmuhren" gelungen. Dieses sehr seltene Buch konnte somit vor Ort ausgeliefert werden. Frau Dr. Marisa Addomine hatte einige Exemplare des von ihr und ihrem Gatten bearbeiteten und teilweise in die Englische Sprache übersetzen Katalog "Orlogio da torre" vom Museo Arte Tempo di Clusone mitgebracht. Mit Tagungsunterlagen und Büchern versehen konnte das Symposium beginnen.

Der Anreisetag, wie immer ein Donnerstag, führte die Teilnehmer zunächst im Hotel Van der Valk in Venlo zusammen. Dieses Haus bietet alle Annehmlichkeiten für eine Veranstaltung in dieser Größenordnung. Zur Einstimmung in die Tagung  brachte ein Bus die Teilnehmer in das Zentrum der Stadt, wo eine besondere Begrüßung erfolgte. Vom Turm der großen Martinuskirche erklang ein Willkommenskonzert, gespielt auf dem großen Carillon, von dem Venlose Stadsbeiaardier, Herrn Marcel Siebers. Es war beeindruckend wie die deutsche Nationalhymne über den Dächern von Venlo erklang und im versöhnlichen Verbund neben anderen Liedern das ökumenische Kirchenlied "Te Deum laudamus" stand.

Bild 01, Oben im Turm, am Spieltisch des Beiaardiers,

im Hintergrund die Glockenzüge.

Nach diesem Empfang, bei bestem Wetter, ging es zurück in das Hotel, wo bei einer gemeinsamen Mahlzeit die ersten fachlichen Gespräche geführt wurden.

Der Freitag stand im Zeichen von Firmen- und Museumsbesuchen. Zunächst führte der Weg nach Helmond/Stiphout zur Firma Toine Daelmans. Toine hat ein Unternehmen für Restaurierung und Reparatur alter Turmuhren. Eine besondere Spezialität ist der Bereich Glocken. Historische Glocken mit Beschädigungen und Rissen werden in einem speziellen Verfahren repariert (geschweißt). In die weltweite Tätigkeit von Toine bekamen wir einen Einblick bei der Betriebsbesichtigung. Mehr als 60 Turmuhrwerke, teils schon für die Auslieferung restauriert, oder im Stadium der Restaurierung oder noch der Warteposition konnten angesehen werden. Einige dieser schönen Werke hatten unsere niederländischen Turmuhrenfreunde eigens hierhergebracht, um sie uns zu zeigen.

Bild 02, Betrachtung der Reparaturstelle an einer historischen Glocke

Große historische Glocken säumten den Weg zu einem eigens errichteten Zelt, das mit Kaffee, Kuchen und zu späterer Stunde mit einem Lunch aufwartete. Frau Ineke Daelmans, unterstützt von den Frauen unserer niederländischen Turmuhrfreunde, bewirtete die Besucherschar fröhlich und überaus wohlschmeckend. Mit "handgemachten" Akkordeonmelodien warteten zwei Musiker auf. Immer wieder wurde ein neues Turmuhrwerk entdeckt, begutachtet, über die Art der Restaurierungsmethode diskutiert, bis die Zeit zum Abschied von dieser hochinteressanten und gastfreundlichen Stätte kam.

Die Busse brachten die in drei Gruppen eingeteilten Besucher an die Themenorte ihrer Wahl.

 

In Asten wartete das "National Beiaardmuseum“ in dem eine umfangreiche Ausstellung über Glocken aus aller Welt und deren Herstellung zu sehen war. Beeindruckend ist die großangelegte Rekonstruktion einer frühen Glockengießerei. Turmuhrwerke, sind dort ebenso zu bestaunen wie eine astronomische Uhr mit der Möglichkeit deren „Innenleben“ anzuschauen. Eine große Arabische Wasseruhr (ein Nachbau entsprechend eines Originals aus dem 13. Jhd.) rundeten das Bild ab.

Bild 03, Detail des astronomischen Zifferblattes der Uhr von André-Lehr

Im Museum in Asten, wird zurzeit von Henk Gipsman neben der André-Lehr-Uhr eine Replik der Dondi-Uhr aufgestellt. Nach jahrelangem Studium ist diese jetzt von ihm, mit gewissen Verbesserungen, fertig gestellt und dem Museum Asten für fünf Jahre überlassen. Ein Beispiel der Realisierung von astronomischen Gedanken nach Claudius Ptolemäus in die Jetztzeit aktualisiert: beachtlich und bemerkenswert! Sie zeigt mit insgesamt 12 Tafeln/Zifferblättern die Deferent- / Epizykel- / Äquant- Darstellung der sieben "Planeten". Wobei besonders interessant die Berechnung und Formung der unregelmäßigen Zahnräder für Merkur und natürlich für den Mond sind: je nach den Unregelmäßigkeiten der Bewegungen der Länge in der Ekliptik ovalisiert, apfel- und birnenförmig. Ein Leckerbissen für Freunde aus diesem Wissensgebiet. Die dem Museum angegliederte naturkundliche Abteilung gab Einblick in die Flora und Fauna der Niederlande.  

Wer es praxisnahe wollte, für den war eine Besichtigung der Firma Koninklijke (Royal) Eijsbouts möglich. Das 1872 von Bonaventura Eijsbouts gegründeten Unternehmen für die Herstellung von Turmuhren, Glocken und Carillons ist noch heute im Familienbesitz und hat Kunden in aller Welt. Die Glockengießerei zählt weltweit zu den bedeutendsten ihrer Art.

Bild 04, Turmuhrwerk der

"Neederlandsche Fabrik van Torenuurwerken B.Eijsbouts, Asten 1939"

Es wurden hier auch die Glocken für das „Harmonices Mundi“ im Hause Festo in Esslingen-Berkheim gegossen. Die Teilnahme an einem Glockenguss dürfte für diese Gruppe ein absoluter Höhepunkt gewesen sein. Der Inhaber der Firma, Herr Joost Eijsbouts, leitete den Rundgang durch seinen Betrieb und beantwortete geduldig die viele Fragen der sehr interessierten Besucher. 

Bild 05, Der Inhaber, Joost Eijsbouts,

im Gespräch mit einigen der Besucher

Im kleinen Ort Rixtel wurde die dritte Gruppe von Herrn Fritsen erwartet. In der 17. Generation leitet er dort die Glockengießerei Petit en Fritsen. Das Unternehmen stammt offiziell aus dem Jahre 1660, womit die “Koninklijke Klokkengieterij Petit & Fritsen” der älteste Familienbetrieb in den Niederlanden ist. Der Firmenchef ließ es sich nicht nehmen, die Besucher selbst durch seinen Betrieb zu führen. Ein holzbefeuerter Schmelzofen, wohl der älteste und unter Denkmalschutz stehende Ofen, ist heute noch betriebsfähig und wird für den Guss großer Glocken genutzt.

Bild 06, Der Kern einer Glocke wird gemauert,

die Schablone dient der Formgebung

 

Bild 07, Die „falsche Glocke“ ist fertig,

sie entspricht genau der späteren, gegossenen Glocke.

Herr Fritsen, rechts im Bild, erklärt die technischen Details, die Verzierungen  und die Beschriftung.

Die Vorbereitung und der Guss von fünf Glocken für ein Carillon konnte im Gießereibereich der Nachbarhalle unmittelbar erlebt werden. Zur Zeit des Besuches waren über 50 Glocken für den Guss in der Vorbereitung und alle Stufen der Kunst des Glockengusses wurden offenbar. Absolute Stille, nur unterbrochen von den Hammerschlägen herrschte, während Herr Fritsen eine fertige und schon abgekühlte Glocke von ihren "Lehmmantel" befreite. An der "Geburt" der fertigen Glocke teilzuhaben ist etwas Weihevolles. 

Bild 07, Die „Geburt“ einer Glocke, sie ist für ein Carillon 

Das "Stimmen" der fertigen und geputzten Glocken ist eine hohe Kunst und bedarf der Erfahrung eines Jahrzehntes. Es ist nicht zu vergleichen mit der elektronisch unterstützten Technik bei dem Stimmen eines Saiteninstrumentes. Nicht Elektronik, sondern das menschliche Gehör ist hier das Maß aller Dinge.

Bild 8, Alle Glocken werden, wie hier bei Eijsbouts, von Hand nach dem menschlichen Gehör gestimmt. die Ausbildung dauert mindestens 10 Jahre, wie uns hier glaubhaft versichert wurde.

Nach diesen eindrucksvollen Stunden kehrten alle nach Venlo zurück um die Abendstunden mit nachhaltigen Fachgesprächen über die Erlebnisse des Tages ausklingen zu lassen.

Der Samstag war wieder ein Reisetag, der in Richtung Belgien zunächst nach Thorn, dem "Weißen Städtchen" der Niederlande führte. In diesem geschichtsträchtigen Städtchen vermittelten engagierte Stadtführer in kurzweiliger Art  einiges über Land und Leute. In der Kirche des kleinen Ortes ist eine sehr alte Turmuhr ausgestellt ist, die unser Mitglied im FKT, Herr Walther Brouns, vor einigen Jahren entdeckt und wieder aufgebaut hat. Dank seines hohen fachlichen Wissens blieb kaum eine Frage unbeantwortet. Bei der einsetzenden Diskussion zu dem Turmuhrwerk zeigte sich aber auch, dass eine nur oberflächliche Betrachtung eines Gegenstandes die Möglichkeit für viele falsche Schlüsse erlaubt.   Nach der in Thorn verbrachten Mittagspause ging die Fahrt weiter nach Belgien.  In Sint-Truiden, einer Stadt, deren Ursprung auf das Jahr 700 zurück geht und heute UNESCO Welterbe ist gab es weitere Sehenswürdigkeiten. Die ehemalige Benediktinerabtei Sint Trudo, der historische Marktplatz mit Rathaus und Tuchhalle, der Beginenhof, die spätgotische Liebfrauenkirche sowie eine Reihe weiterer Kirchenbauten. Im Beginenhof besichtigten wir die größte Uhr der Welt, die astronomische Uhr des belgischen Uhrmachers Kamiel Festraets. Die aus 20000 (zwanzigtausend) Einzelteilen bestehende Uhr hat 200 Zifferblätter, das Pendel wiegt 150 kg und die Höhe beträgt 6,2 m. Festraets war von seiner Arbeit an dieser Uhr, mit der er 1937 begann, wie besessen. Als er im Jahr 1074 verstarb war die Uhr noch nicht fertig gestellt. Das Werk ist zwar voll funktionsfähig und auch in Betrieb, aber einige Baustufen die noch nicht genutzt werden, geben weitere Rätsel auf. Festraets baute die Uhr rein nach seinen Plänen im Kopf, es gibt keinerlei Aufzeichnungen.

In der Kirche des Beginenhofes konnten noch zwei weitere geschmiedete Turmuhren besichtigt werden. Eines ebenerdig und gut von allen Seiten gut zugänglich  und nicht in Funktion, das zweite hoch oben in der Kirche unter dem Kirchendach und nur über einen schmalen Steg erreichbar. Hier blieb nur die Betrachtung von unten. Dieses Werk wurde von unserem Mitglied im FKT, dem Turmuhrmacher Rudi Degeest restauriert und ist heute noch in Funktion.

Der Tag klang aus im „t’Veilinghuis“ in Sint-Truiden, mit einem gemeinsa-men Abendessen. Bei dieser Gelegenheit erfolgte die Ehrung eines  Mitgliedes im Fachkreis Turmuhren in der DGC. In Würdigung seiner langjährigen Verdienste als Autor von Fachaufsätzen  zum Themenkreis Turmuhren für die Jahresschriften der DGC  erhielt Herr Peter Faßbender  die Ehrenurkunde des FKT.

Am Sonntag, es war schon der letzte Tagungstag, war es Zeit für die Fachvorträge. Pünktlich um 9:00 Uhr trafen sich die Teilnehmer des Symposiums im großen Tagungssaal des Hotels. Für die Vorträge konnten wir unsere niederländischen Freunde gewinnen.

Herr Walther Brouns, Mitglied der S-O-T (Studiegroep Openbare Tijdaanduiding) eröffnete den Reigen mit dem Thema "Dokumentation von Turmuhren, aus praktischer Sicht". Hier wurde deutlich, dass es eines wirklich fundierten Wissens bedarf, wenn zur Herkunft oder dem Alter eines Turmuhrwerkes eine verbindliche Aussage getroffen werden soll. Walter Brouns beschäftigt sich seit vielen Jahren mit frühen, geschmiedeten Turmuhren und machte in seinen Ausführungen klar, dass es sich bei einer Turmuhr mit "über Eck gestellten Füßen" nicht unbedingt um eine Uhr aus gotischer Zeit mit entsprechendem Alter handeln muss.

Nach dieser Betrachtung sprach Herr Melgert Spaander, Restaurator für historische Uhren, ebenfalls Mitglied der S-O-T über die "Wichtigkeit der Dokumentation von Uhren" und demonstrierte eine logisch aufgebaute und sinnvolle Vorgehensweise. In diesem Vortrag wurde wieder deutlich, dass nur über den Weg der Systematik später greifbare Daten gesammelt werden können. Erst eine Vielzahl von Daten erlaubt es dann vorsichtig Rückschlüsse zu ziehen und Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Allzu oft  wird auf unzureichender Datenlage aufgebaut und einem Objekt etwas attestiert, was bei genauer Betrachtung als zweifelhaft erscheint. Oder gar gänzlich an der Realität vorbei führt.

Im Zusammenhang mit dieser tabellarischen Datenerfassung stellte Herr Franz Leuring ein sehr beeindruckendes, auf fotografischer  Basis aufgebautes Dokumentationssystem vor. Diese Art der Datenerfassung erlaubt, nach heutigem Stand der Technik, die wohl umfassendste Möglichkeit einer Dokumentation in Wort und Bild. 

Wie schwierig es ist, eine Uhr geschichtlich und bezogen auf ihr Alter einzustufen wurde deutlich bei dem nächsten Vortrag. Herr Tini C. van Oort, Mitglied der S-O-T, berichtete über die „Alte Turmuhr in Waalre“. Nach den vorgestellten Recherchen und zitierten Unterlagen in Wort und Bild könnte diese Uhr aus dem Jahr 1424 sein. Die den Ausführungen  folgende und sehr sachlich geführte Diskussion von Fachleuten mit profunden Kenntnissen zeigte die Notwendigkeit auf, zu diesem Uhrwerk weiter zu forschen und sichernde Belege zu erbringen.

Für die in Deutscher Sprache gehaltenen Vorträge standen jeweils Übersetzungen in Englischer Sprache zur Verfügung, damit war sichergestellt, dass es zu keinen Sprachbarrieren kam. Einfließende Niederländische Fachausdrücke wurden während der Vorträge übersetzt.

Nach den Fachvorträgen wurde zum Lunch geladen. In froher Runde wurde nochmals das Erlebte reflektiert und danach die Heimreise angetreten.

Das nächste Treffen des F-K-T ist vom 22. bis 25. April 2010 in der Akademie des Handwerks im Schloss Raesfeld. Für das Treffen im Jahr 2011  haben ebenfalls die Vorbereitungen begonnen. Vom 13. bis 17. April ist der F-K-T dann in Großbritannien, in Oxford und Umgebung.

Es wurde der Vorschlag unterbreitet, im Fachkreis Turmuhren zwei Arbeitsgruppen zu bilden. Eine Gruppe, in der zum Bereich astronomischer Uhren gearbeitet wird. Eine weitere Gruppe, die sich mit den verschiedensten Hemmungssystemen bei Turmuhren beschäftigt und dabei die unterschiedlichen Pendelaufhängungen und Systeme der Freischwinger und Remontoire (Spezialhemmungen mit konstanter Kraftübertragung) berücksichtigt.

Anmeldungen zu den angebotenen Treffen 2010 und 2011 so wie zu den Arbeitsgruppen können an den Fachkreis Turmuhren gerichtet werden.

 

Tagungsbericht 2008

Fachkreis Turmuhren,

Internationales Turmuhrensymposium,

17. bis 20. April 2008 in D  70372 Stuttgart - Bad Cannstatt

           

Mit 121 Teilnehmern aus sieben Ländern war es das bis jetzt größte Treffen der Mitglieder im Fachkreis Turmuhren. Anreisetag war der Donnerstag, doch mancher Teilnehmer kam schon am Mittwoch. Es war ein buntes Gemisch von Nationalitätsflaggen auf den Namensschildchen. Belgien, England, Italien, Niederlande, Österreich, Schweiz und Deutschland. Verschiedene Sprachen und Idiome füllten den Empfangsbereich des Hotel Mercure in Stuttgart-Bad Cannstatt. Das war unser Tagungszentrum für vier Tage und wir hätten keine bessere Wahl treffen können.

Der Donnerstag war schon mit einem besonderen Programmpunkt ausgezeichnet, einem Besuch im Turmuhrenmagazin von unserem Mitglied, Herrn Hans-Peter Kuban.

 

Der Hochbunker, das Gebäude,

in dem das Turmuhrenmagazin untergebracht ist.

www.turmuhrenarchiv.de

 

Ist schon das Ambiente, ein Hochbunker aus dem zweiten Weltkrieg, eine Sehenswürdigkeit, so sind es die dort ausgestellten Uhren, Werkstatteinrichtungen und Werkzeuge erst recht.

 

Die geschmiedete Turmuhr aus der St. Veitskapelle

 in Stuttgart Mühlhausen, von ca. 1783, auf den original Eichengerüst.

 

Über der Uhr angeordnet eine Übersicht der verschiedensten Gewichte für Turmuhren.

 

Faszinierend ist es, von Herrn Kuban die Uhren gezeigt zu bekommen und dazu ihre Geschichte zu erfahren. Die plastischen Erklärungen sind so einprägsam, dass der Betrachter glaubt, er sei bei der „Bergung“ des Uhrwerks oder der Maschine und deren späteren Restaurierung selbst dabei gewesen. Dieses ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Herr Kuban manchen der Vorbesitzer noch persönlich kannte und so zu ihrem Vermächtnis kam. Das Museum ist nicht ständig geöffnet, aber es lohnt sich einen Besuchstermin mit Herrn Kuban zu vereinbaren und die ausgestellten Schätze zu besichtigen. Es empfiehlt sich allerdings warme Kleidung mitzunehmen, die Außenwände aus Beton haben die stattliche Dicke von 1,2 m und lassen so leicht keine Sonnenwärme in das Innere der Räumlichkeiten eindringen.

Froh gelaunt traf sich dann die Gruppe am Abend im Restaurant des Hotels zum gemeinsamen Abendessen. Die erstklassigen Speisen und gute Getränke stärkten den Leib und beflügelten die Sinne. Gesehenes wurde diskutiert und mit freundschaftlichen Gesprächen verging die Zeit. Manche Bettruhe war etwas kurz.

 

Das Alte Rathaus in Esslingen

mit seiner astronomischen Uhr

www.esslingen.de/servlet/PB/menu/1175792_l1/index.html

 

Rasch war es Freitag, der mit drei Besichtigungen gut gefüllt war. Per Bus reisten wir zunächst nach Esslingen. Vor dem Alten Rathaus erwartete uns schon Herr Peter Köhle, der Vorsitzende des Vereins zur Erhaltung der historischen Uhr am Alten Rathaus e.V. Mit von der Partie waren seine Gattin und zwei weitere Mitglieder des Vereins. Die historische Uhr erstreckt sich in ihren Funktionen über mehrere Etagen in diesem wunderbaren Gebäude. So war es gut, dass sich die ehrenamtlichen Helfer extra Zeit für uns genommen hatten, um die Führung zu den einzelnen Stationen zu übernehmen. Herr Köhle erklärte zunächst die Geschichte des Bauwerks „Altes Rathaus“ und dann den wechselhaften Verlaufs des Geschehens um die Uhr seit 1581 bis heute. Der Auftrag zum Bau dieser Uhr erging 1581 an den Esslinger Uhrmacher Marx Schwarz. Die Fertigstellung hat er nicht erleben dürfen. Der Uhrmacher Jakob Diem aus Tübingen vollendete das Werk im Jahr 1586 und erweiterte das Uhrwerk um ein astronomisches Räderwerk und einer Mechanik für Automatenfiguren. Bis 1926 versah die Uhr den Dienst der öffentlichen Zeitanzeige. Seit diesem Jahr übernahm eine Turmuhr von Hörz ihre Aufgabe. In modifiziertem Zustand bezüglich der Ganggenauigkeit, diese Uhr arbeitete bis 2007. Das alte Uhrwerk von 1586 galt seit der Generalsanierung des Rathauses im Jahr 1998 als verschollen. In den Köpfen von Uhrenfreunden war es aber noch vorhanden und diese machten sich auf die Suche, nicht ohne Erfolg! In einem Kellerraum des Liegenschaftsamtes wurde die „Suchmannschaft“ im Juli 2003 fündig. Um die Uhr vor dem Untergang zu bewahren gründeten die Uhrenfreunde im Januar 2004 den „Verein zur Erhaltung der historischen Uhr am Alten Rathaus e.V.“. Peter Köhle übernahm den Vorsitz und machte sich mit seinen Freunden auf die Suche nach weiteren Enthusiasten und Gönnern für dieses Projekt. Es wurde der stattliche Betrag von 110.000 € gesammelt und das Projekt konnte gestartet werden. Mit von der Partie war neben vielen ehrenamtlichen Helfern Herr Prof. Dr.-Ing.  Scheurenbrand. Herr Köhle übernahm das Management, Prof. Scheurenbrand oblag die technische Unterstützung und Berechnung des kompletten Uhrwerks. Von  Seiten der Stadtverwaltung hielt sich die Begeisterung in Grenzen, entweder hatte man die Bedeutung und Einmaligkeit dieses Gesamtwerkes nicht erkannt, oder scheute spätere Instandhaltungskosten. Es gab allerdings von Seiten der Stadt die verbindliche Auflage, dass die Uhr eine Ganggenauigkeit haben müsse, von 30 Sekunden innerhalb von 24 Stunden. Diese Grundbedingung machte es erforderlich, sich modernster Hilfsmittel zu bedienen und für den Betrachter unsichtbar, sowie jederzeit reversibel, eine besondere Gangregulierung einzubauen.

Das astronomische Getriebe

Der Auftrag für die Restaurierung der Uhr wurde an Turmuhrenbau Meißen, Dipl. Ing. Klaus Ferner erteilt. Herr Ferner ist anerkannter Restaurator für Turmuhren und vielen Turmuhrfreunden durch seine Restaurierungsarbeiten, z. B. der Luterer Uhr von 1547 in Freiburg bekannt. Auch hier in Esslingen hat er mit seinen Mitarbeitern wieder hervorragendes geleistet und die Uhr sanft restauriert.

 

Teilansicht des Uhrwerks mit der Schlossscheibe

Erwähnenswert an dieser Stelle ist, dass das Uhrwerk wieder durch Sandsteingewichte betrieben wird. Da im Laufe der vielen Umbauarbeiten im Inneren des Rathauses keine ausreichende Fallhöhe für die Gewichte ist, werden diese nunmehr elektrisch aufgezogen, können aber jederzeit auch über die früher übliche Handkurbel bewegt werden.

 

Das Uhrwerk nach der Restaurierung

Die räumlichen Gegebenheiten im Umfeld der Uhr sind wirklich als großzügig anzusehen und so war es möglich die ganze Uhrenanlage mit dem Lauf der Tagesregenten und dem flügelschlagenden Adler wirklich aus nächster Nähe anzuschauen.

 

Besuch bei den Tagesregenten

 Ein beeindruckendes Erlebnis, das an diesem Tag unter dem Einfluss der trotz windigem Wetters leicht bekleideten Venus stand. Über diese Uhr ist 2003 eine kleine Broschüre erschienen "Die Uhr am Alten Rathaus in Esslingen" ISBN 3-87437-471-8.

Doch die Stunden schritten voran, in naher Entfernung erwartete uns in Esslingen-Berkheim, im Technologie-Center des Hauses Festo, eine astronomische Uhr der ganz besonderen Art. Eine Uhr, die Teil eines wohl weltweit einzigartigen Kunstwerkes ist. Der Name:“ Harmonices Mundi“.

www.festo.com/INetDomino/coorp_sites/de/175acdadda155f0cc1256f5d00384bca.htm

Hier sind vereint eine Weltzeituhr, eine astronomische Uhr und ein Glockenspiel. Diese Zusammenfügung von Elementen aus Mechanik, Astronomie, Melodik und Elektronik ist so beeindruckend, dass der Betrachter in ehrfürchtiges Schweigen verfällt. Geführt von Mitarbeitern des Unternehmens hatten wir Gelegenheit Einblick zu nehmen in die Produktionsvielfalt von Festo, in ein Labor für Forschung und Entwicklung und das Harmonices Mundi.

Professor Dr.-Ing. Scheurenbrand begrüßt unsere Gruppe

 Herr Professor Dr.-Ing. Scheurenbrand, der geistige Vater dieses Gesamtkunstwerkes, lies es sich nicht nehmen, die Konstruktion und Funktion von Weltzeituhr und Astrolabium selbst zu erklären.

 

Das Planetengetriebe für Merkur und Venus ist frei sichtbar vor dem Planisphärium montiert. Auf dem Skalensegment lässt sich an der goldenen Pfeilspitze die Zeitgleichung ablesen. Bild (c) Festo

 

Die Weltzeituhr mit ewigem Kalender, Bild (c) Festo

Mit viel Geduld beantwortete er Fragen zur Konstruktion sowie der Fertigung und Berechnung der Getriebe, die übrigens alle von ihm  bis auf sieben Stellen nach dem Komma von Hand und ohne Computer erfolgten. Da bleibt einem wirklich sprichwörtlich gesagt „die Spucke weg“. Ein schöner Ausklang dieses beeindruckenden Erlebnisses war das Glockenspiel dieser Trilogie.

Begrüßung im Hause Festo

Durch einen kleinen Imbiss wohl gestärkt und mit vielen Unterlagen und Broschüren über das Harmonices Mundi bestückt verließen wir mit etwas Wehmut diese gastliche Stätte. Es darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass diese Uhr der Öffentlichkeit nicht zugängig ist, uns der Zugang trotzdem erlaubt wurde, und dieses, während der Arbeitszeit. An dieser Stelle nochmals unser Dankeschön an alle Beteiligten! Noch eine kurze Anmerkung zu dem Namen „Harmonices Mundi“, Johannes Keppler hat im Jahre 1619 ein Buch mit diesem Namen verfasst und erläutert darin die Gesetzmäßigkeiten unseres Planetensystems.

Weiter ging die Fahrt. Nächstes Ziel war das Barockschloss in Ludwigsburg. Ist das ehemalige Residenzschloss der Herzöge und Könige von Württemberg an sich schon etwas Besonderes, so wurde das für uns Freunde der Turmuhr noch um ein vielfaches übertroffen. Durch unseren Freund, Hans-Peter Kuban, und seine persönlichen Beziehungen zu dem Leiter der Schlossverwaltung, Herrn Krüger, fanden wir Zugang zu einer Turmuhr. Ein Uhrwerk, wie es in seiner Gewichtigkeit noch keines der Mitglieder unserer Gruppe je zuvor gesehen hatte. Oben im Schloss, über weitausladende Treppen, gelangten wir hinter der Schlossfassade an den Aufstellort dieser Uhr.

Aus dem Schriftverkehr über den Transport

des Uhrwerkes von Zwiefalten nach Ludwigsburg

Gebaut wurde das Werk von dem Uhrmacher Schnegans aus Biberach für den Münsterturm des Klosters Zwiefalten und war dort bis 1809 beheimatet. Bei der Säkularisation im Jahre 1803 wurde das Kloster aufgelöst und der König von Württemberg verfügte, dass die Uhr dort abgebaut und nach Ludwigsburg gebracht werden solle. Über diesen Vorgang gibt es einen regen Schriftverkehr zwischen der Cameral-Verwaltung in Zwiefalten und der Königlichen Oberfinanzkammer in Stuttgart. Aus diesen Unterlagen gehen auch einige technische Daten der Uhr hervor: 

„Diese Uhr ist in 4 Ebenen gemacht, sie ist lang 8 Schuh, 7 Zoll; breit, samt dem Aufzug 8 Schuh; samt dem Ührle (gemeint ist das Kontrollzifferblatt) hoch 7 Schuh, 7 Zoll; die Uhr muss alle 24 Stund aufgezogen werden; die Gewicht sind schwer, das Gehwerk 200 Pfund; das Viertelwerk 300 Pfund; das zweite Schlagwerk 160 Pfund. Die ganze Uhr ist ungefähr 30 Zentner schwer.“  Die genannten Längenmaße und Gewichte entsprechen heute ca. 31,6 cm für einen Fuß, 2,6 cm für einen Zoll und 500 Gramm für ein Pfund. Demnach sind die äußeren Abmessungen; Länge: 2,71 m; Breite: 2,53 m; Höhe: 2,4 m.  

Das Kontrollzifferblatt

Die Uhr ist jetzt außer Dienst gestellt, aber vollständig erhalten. Nach dem Besuch dieser prächtigen Uhr aus der Zeit des Barock, (ob darauf ihre Fülle zu beziehen ist?) folgte eine Schlossführung durch einige der wichtigsten Räume, die weitgehend noch ursprünglich erhalten sind. Nahm die verkürzte Führung schon über eine Stunde in Anspruch, wie lange hätte sie gedauert bei einer Besichtigung aller 440 Räumlichkeiten des Schlosses? Wir zogen es vor, uns in die Tiefen des Schlosses zu begeben. Dort wartete ein riesiges Weinfass auf uns, ist es bis oben gefüllt, dann lagern 90.000 Liter darin. In den Jahren 1719 bis 1721 gefertigt spendet es bis heute besten Württemberger Wein aus ein und demselben Hahn, wahlweise ein „Viertele Roten oder Weißen“.  So, gestärkt und mit feuchter Kehle machten wir uns auf den Weg zurück nach Stuttgart.

Es war ein langer Tag und ein weiterer Programmpunkt wartete, das festliche Abendessen. In fröhlicher Runde, eingeleitet von einem Sektempfang, klang der Abend aus. Zu unseren Gästen zählte Herr Prof. Dr. Scheurenbrand mit Gattin, Herr und Frau Köhle und unsere liebe Freundin, Frau Sofia Schmid. Natürlich bietet ein solcher Abend Gelegenheit für besondere Anlässe, Herr Wolfgang Huf, bekannt für seine Kreation „Turmuhrenwein“ wurde für seine Verdienste um den Fachkreis mit einer Ehrenuhrkunde ausgezeichnet. Herr Huf spendet von dem Erlös aus dem Weinverkauf seit Jahren 1,50 Euro pro Flasche an den Fachkreis Turmuhren. Dieses Mäzenatentum bedarf einer besonderen Erwähnung. Die Zeit verging wie im Fluge und die große Runde löste sich nur zögerlich auf, gab es doch so vieles zu erzählen. Zur Auflockerung wurden, wie in den vergangenen Jahren, von Frau Lüttke-Budrus Gedichte und Gedanken zur Zeit und Uhr vorgetragen. Sie, eine engagierte Freundin von Turmuhren, unterhielt uns in launiger Weise mit vielen Versen über das Pendel. 

Irgendwie graute plötzlich der Morgen und es war Samstag, der Tag für Fachvorträge. Rasch füllte sich der Vortragssaal, wo unser Mitglied, Lothar Bornschein ein kleines, von ihm selbstgebautes Gehwerk mit Scherengang aufgebaut hatte. Dieses Werk ist entstanden auf Grund einer „Initialzündung“ beim Besuch 2006 im Uhrenmuseum der Familie Berger, in Bad Grund. Wahrlich eine nicht einfache, aber gelungene Arbeit die schon beispielgebend für mehrere Uhrenfreund wurde.

Dann kam der erste Fachvortrag. Geoffrey Sykes, aus England, nahm uns in seinem Vortrag mit auf „Eine Turmuhrtour durch England“.

Henry Hindley of York, 1760

 

Die nach einem Brandschaden wieder hergestellte Turmuhr

 von ca.1820 in Wythenshaw Hall, Manchester.

 

Sehr plastisch und unterstützt durch viele gute Aufnahmen von Turmuhren und ihrer Umgebung war es eine schöne Einführung in die für uns noch weitgehend unbekannte Turmuhrenwelt in England.

Danach folgte ein Vortrag über die Restaurierung der am Tag zuvor besichtigten astronomischen Uhr im Alten Rathaus in Esslingen. Klaus Ferner berichtete sehr anschaulich über seine Arbeit an dem Uhrwerk und zeigte dazu die entsprechenden Bilder.

Fertige Uhren kennen wir, das sie früher aus Eisen geschmiedet wurden wissen wir auch, aber woher kam das Eisen? Angeregt von dem Besuch einer Veranstaltung, auf der die Eisengewinnung mit dem Rennofen praktiziert wurde, folgte nun ein Vortrag mit dem Inhalt „Vom Raseneisenerz zum Schmiedeeisen“. Ekkehard Koch berichtete in Wort und Bild über frühgeschichtliche Eisengewinnung. Es wurde anschaulich dargestellt, mit welchem Aufwand an Brennmaterial, Eisenerz und Zeit, die Herstellung von schmiedbarem Eisen verbunden war.

 

 

Eisengewinnung im Rennofen, die Schlacke rinnt (rennt).

 

Ca. 100 kg Brennmaterial wie Holzkohle oder Torf, 50 kg Raseneisenerz und die Arbeitszeit von ca. 20 Stunden waren erforderlich um etwa 6 kg Eisen zu gewinnen. Da wird deutlich, wie kostbar damals das Eisen war.

 

Im nächsten Vortrag, gehalten von Frau Dr.-Ing. Marisa Addomine, vom Registro Italiano Orologi da Torre in IItalien, wurde deutlich, wie früher in Italien die Zeit optisch auf verschiedensten Zifferblättern angezeigt wurde.

 

Etwas verwirrend dieses Zifferblatt? Nein, wenn man weis wie gezählt wird ist es ganz einfach, 6 Stunden am Vormittag, 6 Stunden am Nachmittag, 6 Stunden bis Mitternacht und 6 Stunden bis zum Morgen, 6+6+6+6 = 24 Stunden.

War das schon ein besonderes Erlebnis, so folgte nun die absolute Steigerung. Die akustische Zeitanzeige mittels Glockenschlägen war so verschieden, dass es für uns heute unbegreiflich ist, wie überhaupt jemand aus diesen „Zeitzeichen“ heraushören konnte, wie spät es war. Es an dieser Stelle zu erklären würde jeden Rahmen sprengen und es erhebt sich die Frage, ob der Leser es überhaupt verstehen könnte. Der temperamentvoll dargebrachte Vortrag mit seinen aufschlussreichen Bildern war ein besonderes Erlebnis und macht Lust auf mehr.

Nach einer verdienten Pause machten wir uns dann auf den Weg zur Straßenbahn und fuhren in die Innenstadt zum Landesmuseum Württemberg. Ist das Gebäude, das Alte Schloss, schon etwas besonderes, dann erst recht sein Inhalt. Wir mussten uns selbst beschränken und haben nur vier Bereiche besichtigt,

a) die Glassammlung, im Museum ist eine der bedeutendsten Glassammlungen der Welt ausgestellt. Wahre Kostbarkeiten von der Antike bis in das 19. Jh. sind hier beheimatet. Sehr sachkundig und kompetent von Frau Herb geführt, kam jeder der „Gruppe Glas“ voll auf seine Kosten.

b) Die nicht der Allgemeinheit zugängliche Turmuhr mit dem Figurenspiel der boxenden Geißböcke zeigte uns Herr Wener, eigentlich, so wie er sagte, der Turmuhrenfachmann sei er nicht, aber dem Fachkreis Turmuhren könne er es nicht verwehren einen Blick in den Turm und auf die Uhr zu werden. Es ist ein modernes Werk von Hörz das hier seinen Dienst tut und zur vollen Stunde die Geißböcke gegeneinander rennen läst.

c) Tischuhr auf der schiefen Ebene. Sind Uhren schon äußerlich schön anzuschauen, so war der Einblick in das Innere dieses Werkes etwas Außerordentliches. Die Uhr ist aus dem 17./19. Jh. Die große Zeitspanne bei der Angabe der Jahreszahl wird dann erklärbar, wenn man den Vortrag von Herrn Moritz Paysan über diese Uhr gehört hat. Herr Paysan ist diplomierter Restaurator und hat das Innenleben der Uhr studiert. Da kam zu Tage, dass die Uhr wohl ursprünglich aus dem 17. Jh. ist, aber bis in das 19. Jh. manche Veränderung erfahren hat, was ihren Wert allerdings nicht schmälert. An Hand von Bildern aus der Restauratorenwerkstatt und einer graphischen Animation war es möglich den Aufbau und die Funktion der Uhr zu sehen und auch zu verstehen. Diese ungewöhnliche Tischuhr rollt auf einer schiefen Ebene ab und als „treibende Kraft“ dient ein außermittig gelagertes Bleigewicht. Als Gangregler dient eine Spindelhemmung mit Radunrast. Später, im Gewölbekeller, begegneten wir der Uhr im Original.

d) Der eben erwähnte Gewölbekeller ist ein an Schönheit kaum zu übertreffender Ausstellungsraum. Unter gotischen Gewölben, im  Dämmerlicht, erstrahlen in schönen Glasvitrinen, die von allen vier Seiten zugängig sind, Prunkuhren aus der Renaissance. Die gekonnte Präsentation, die Ausleuchtung und sehr gute Beschreibung lassen keine Wünsche offen. Es ist kein Wunder, wenn in diesem Raum andächtige Stille herrscht und eine gelegentliche Unterhaltung nur mit gedämpfter Stimme erfolgt. Das Wort „Prunkuhren“ hat hier wirklich seine Berechtigung. Wie kann das alles noch gesteigert werden? Durch einen Menschen, der mit jeder dieser prunkvollen Uhren auf Du und Du ist. Jemand der die Uhren in vielen Jahren ebenso fachkundig wie liebevoll restauriert hat. Herr Alfred Leiter, begnadeter Uhrmacher und in der Fachwelt über die Grenzen des Landes bekannt für seine wunderbaren Arbeiten und Restaurierungen. Heute, über 80 Jahre jung, zeigte er uns in Begleitung seiner Gattin die besonderen Uhren, erklärte ihre Werke und berichtete über seine Arbeiten. Die Automaten, z.B. der Pfau, schienen bei seinen Worten wirklich die Flügel zu heben und der Bär auf seiner Trommel einen Wirbel zu schlagen. Fürwahr, es waren Glücksmomente!

Die Trennung fiel uns schwer von diesem ebenso gastlichen wie informativen Ort. Bleibt an dieser Stelle nochmals Dank zu sagen an alle an den Führungen beteiligten, besonders aber an Herrn Markus Wener, der als Direktionsassistent alles so trefflich organisierte und mit seinen Kolleginnen und Kollegen einen nicht unerheblichen Teil seiner Freizeit in unsere Betreuung investierte.

Der Rest des Tages stand zu freier Verfügung und davon wurde reichlich Gebrauch gemacht.

Es nahte der Sonntag und nach dem Frühstück füllte sich der Vortragssaal. Thomas Muff, Schweiz, machte sich bereit, sein Thema war  „Eine geschmiedete Turmuhr von 1672, signiert mit FB 1672 Z“. Dieses schöne Uhrwerk, natürlich geschmiedet, vorgestellt mit vielen Bildern und erklärenden Texten ist sehr beeindruckend.

 

Das Werk mit Blick auf die Schlossscheibe.

 

Detail der Bekrönung.

 

Das Werk während der Restaurierung.

Die Konservierung / Restaurierung dieser Turmuhr auch dem Schloss Hauptwil, Kanton Thurgau in der Schweiz konnte an Hand des Berichtes gut nachvollzogen werden. Es wurde deutlich, dass Zeitzeugen dieser Art spätestens in dem Moment „Aus der Mode“ kommen, wenn sich keiner mehr findet, der sich um das Aufwinden der Gewichte und die Pflege des Uhrwerks kümmert. Die Uhren verschwinden dann von den Türmen und werden durch elektronisch gesteuerte Zeigertreibwerke ersetzt. In diesem Fall konnte durch glückliche Fügungen ein Restaurierungskonzept erarbeitet werden, das den Fortbestand des Uhrwerkes auf dem Turm sichert. Ein elektrischer Aufzug übernimmt nun das Aufwinden der Gewichte. Diese Technik ist so eingebaut, dass jederzeit ein spurenloser Rückbau in den Originalzustand möglich ist.

Dr. P.T.R. Mestrom, aus den Niederlanden, berichtete sehr anschaulich über “Uhren und Uhrmacher aus der Provinz Limburg” „Limburgse klokken en klokkenmakers“

 

Dieses Buch, in niederländischer Sprache geschrieben,

 bildete die Basis für den Vortrag von Herrn Dr. Mestrom.

Limburg ist die südlichste der zwölf Provinzen der Niederlande; ihre Hauptstadt ist Maastricht. Es waren Bilder von Uhren und deren Umgebung zu sehen, die uns nicht bekannt waren. Die Zeit von 1367 bis 1850 wurde beleuchtet und der Bogen wurde gespannt von der Entwicklung der „wijzerplaat“ (Zifferblätter) an „Limburgse  uurwerken“ bis zur riesigen Spieltrommel einer Turmuhr aus dem 17. Jh.  Dieser Vortrag machte Lust darauf in die Niederlande zu reisen um an Ort und Stelle den Uhren zu begegnen. Wer das Buch erwerben möchte, ISBN 90 9010857 2.

Herr Kuban fasste in einem kurzen Bericht nochmals Daten und Fakten zu der in Ludwigsburg besichtigten Turmuhr zusammen und gab der Hoffnung Ausdruck, dass die weitere Erforschung der Archivalien noch mehr wissenswertes über dieses Uhrwerk zu Tage fördert.

Nach Abschluss der Vortragsreihen wurde über die Situation des Fachkreises Turmuhren berichtet. Die finanzielle Situation ist gut, dank einer großzügigen Spende von 1.000 Euro ist der verfügbare Geldbestand so, dass neuen Projekten bezüglich der Finanzierung nichts im Wege steht. Auf Beschluss der Mitglieder ist wieder ein Kalender des FKT für das Jahr 2009 geplant. Außerdem wird die Visualisierung der Funktion einer Turmuhr durchgeführt. Dieses Projekt zu realisieren benötigt allerdings Zeit und ist auf zwei Jahre verteilt. Als erklärendes Beispiel diente eine bereits vom FKT ausgeführte Visualisierung eines Zeigerwerkes. In dieser Animation lassen sich Einzelteile und Funktion eines Zeigerwerkes anschaulich sichtbar machen und erklären.

Weiter stand auf dem Tagungsplan die Beantwortung der Frage, wo die nächsten Symposien des FKT sein sollen. Es wurde große Übereinstimmung bezüglich der Ziele erreicht, 2009 Niederlande, 2010 Raum Hamburg und 2011 England. Mit dieser räumlichen und zeitlichen Verteilung soll sichergestellt sein, dass jedes der Mitglieder im FKT die Möglichkeit hat an den Treffen teilzunehmen. Die Planung der Veranstaltungen erfolgt, wie gewohnt, in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedern vor Ort.

Der Sachstand bezüglich der Arbeit an der von Mitgliedern des FKT geschmiedeten Uhr ist so, dass im Laufe des Jahres nach historischen Vorbildern Vorrichtungen für die Verzahnung der Räder gefertigt werden. Nach deren Fertigstellung erfolgen die Einladungen an das „Schmiedeteam des FKT“ zum weiteren Arbeitseinsatz.

Abschließend wurde Ekkehard Koch in seinem Amt als Vorsitzender des FKT bestätigt und mit der weiteren Geschäftsführung für den FKT beauftragt.

Es bleibt noch nachzutragen, dass zwischenzeitlich wieder eine Spende in Höhe von 250,00 Euro auf dem Konto des FKT eingetroffen ist. Eines unserer Mitglieder will damit das Projekt der Visualisierung unterstützen. An dieser Stelle dafür herzlichen Dank.

In der Vorfreude auf unser nächstes internationales Treffen in den Niederlanden grüßt Sie alle recht herzlich

Ihr Ekkehard Koch.

Die Bilder zu diesem Bericht wurden zur Verfügung gestellt von: Dr. Marisa Addomine, Lothar Bornschein, Klaus Ferner, Festo Berkheim, Hans-Peter Kuban, Dr. Ruud Mestrom, Thomas Muff, Geoffry Sykes  und dem Verfasser.

 

 

Tagungsbericht 2007

Fachkreis Turmuhren,

Internationales Turmuhrensymposium,

10. bis 13. Mai 2007 in CH 6004-Luzern

           

 Es war das zweite internationale Treffen des Fachkreises Turmuhren. Nach der im Jahr 2006 voraus gegangenen Begegnung in Goslar wurde der Wunsch geäußert, wieder ein Treffen mit unseren Mitgliedern und Freunden aus dem Ausland zu planen. Mit der großartigen Unterstützung und Hilfe unserer Mitglieder, Herrn Thomas Muff, aus Triengen in der Schweiz und seinem Mitarbeiter Oskar Näpflin, konnte dieses auch realisiert werden. Als Tagungsort wurde die Stadt Luzern in der Zentralschweiz ausgesucht. Im nahe am Vierwaldstättersee gelegenen NH Hotel Luzern, in der Friedenstrasse 8, waren Zimmer und Tagungsraum gebucht. Alles vortrefflich; doch Fremder, kommst Du nach Luzern, dann möglichst ohne Auto! Die Parkplatzsuche ist einfach, Parkhäuser sind vorhanden, aber die Preise!

Am Anreisetag, dem Donnerstag, das Wetter war prächtig, trafen 81 Teilnehmer aus 9 Ländern im Hotel ein. Vertreten waren Belgien, Deutschland. Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Österreich,  Schweiz und die USA. Sie wurden im Foyer begrüßt und mit Namensschildchen und Tagungsunterlagen einschließlich Stadtplan ausgestattet. Bald machten sich die ersten Grüppchen auf den Weg in die Stadt, der Nachmittag stand zur freien Verfügung. Ein Spaziergang am Vierwaldstättersee entlang oder zum Verkehrshaus in Luzern, es ist das meistbesuchte Museum der Schweiz, mit über einhundert Original-Flugzeugen, Lokomotiven, Strassenfahrzeugen, Seilbahnen, Schiffsmodellen und Ausstellungen über Kommunikation und Raumfahrt. Ebenso lockten die Kapellbrücke, Spreuerbrücke, Jesuitenkirche oder einfach nur ein Terrassenplatz in einem der zahlreichen Lokale in der Altstadt. Der in seinen hohen Flanken noch schneebedeckte „Hausberg“ von Luzern, der 2128 m hohe Pilatus, gab sein bestes, um dem Beschauer die schönsten Eindrücke zu übermitteln.

Luzern, Blick auf Jesuitenkirche und Pilatus

Zum geplanten, gemeinsamen Abendessen waren alle wieder im Hotel vereint. Im großzügigen Kolpingsaal, unserem Tagungsraum für die Dauer des Aufenthalts, erwartete uns ein reichhaltiges Speiseangebot. Muntere Gespräche, die Wiedersehensfreude und Erwartung gleichermaßen zum Inhalt hatten, dauerten teilweise bis in den frühen Morgen.

Am Freitag starteten wir sofort nach dem Frühstück mit zwei Reisebussen von Luzern nach Triengen, dort hatte die Firma Joh. Muff AG, Kirchturmtechnik, zur Betriebsbesichtigung eingeladen. In diesem beeindruckend und vorbildlich organisierten Betrieb war nach kurzer Einführung in die Firmengeschichte ausführlich Zeit und Gelegenheit zum Rundgang und Gesprächen. Die Inhaber, Thomas und Stephan Muff, hatten dabei die tatkräftige Unterstützung von ihren Vater Hanspeter Muff und der Mitarbeiter der Firma. Das Haus stand uns mit allen Räumen und Werkstätten offen.

 

Die Reisegruppe auf dem Firmengelände der Muff AG

 An den Arbeitsplätzen herrschte rege Betriebsamkeit und es blieb nicht nur bei dem berühmten „Blick über die Schulter“; gestellte Fragen wurden ebenso bereitwillig beantwortet wie die durchgeführten Arbeiten erklärt.

 

„Zahnausfall“ in der Behandlung,

 Das Arbeitsgebiet der Firma Muff ist sehr vielfältig, von der Schmiede bis zur Elektronik reicht das Spektrum. Über 80 Besucher wuselten durch das Haus und konnten sich nicht satt sehen. Aus der Schmiede erklangen Hammerschläge, im Vorführraum für Glocken ertönten die unterschiedlichsten Glockenklänge und es war erstaunlich zu erfahren, welche Eigenheiten und Vielfalt es an Geläuten gibt.

 

Vorführung verschiedener Glockengeläute

 Im Eingangs- und Treppenbereich waren die ersten Turmuhren zu entdecken, fortgeführt wurde dieses bis in das an unserem Besuchstag eröffnete erste schweizerische Museum im Bereich der Kirchturmtechnik.

 

Eines der „Prunkstücke“

im Museum für Kirchturmtechnik der Muff AG

 Verschiedenste Fabrikate, ausgestattet mit unterschiedlichsten Hemmungen waren ebenso anzuschauen wie geschmiedete Werke mit Spindelhemmung und noch originaler Waag. Bei einer Turmuhr drängten sich die Experten, hier gab es eine Hemmung zu bestaunen die noch keiner zu Gesicht bekommen hatte. Es würde den Rahmen des Berichtes sprengen, wollte man alle Besichtigungspunkte detailliert beschreiben. Erlaubt sei aber noch ein Wort zur Vergolderwerkstatt. In einem besonderen Raum stapelten sich auf Tischen und in Regalen Teile, die der Vergoldung harrten bzw. in einem bestimmten Status des Vergoldungsprozesses auf den nächsten Arbeitsgang warteten.

 

In der Vergolderwerkstatt

 Völlig frei und losgelöst von aller Geheimniskrämerei wurde hier der komplette Vorgang der Blattvergoldung vorgeführt und bis ins Detail erläutert. Fachbegriffe wie Feehaarpinsel, Mixtion und Rosenobeldoppelgold mit 23 3/4 Karat schwirrten durch die Luft und fanden verständliche Erklärung. Es war nur schwer sich von all dem zu lösen, wollte doch noch die Abteilung der Restauratoren besucht werden. In einem besonderen Bereich lagen Teile einer geschmiedeten Turmuhr zur Restaurierung bereit. Gezeigt wurde die Entrostung. Wie wir sehen konnten, reine Handarbeit, kein Säurebad, keine Elektrolyse, keine Strahlkabine, wirklich alles von Hand und Stück für Stück. Eingebunden in die Firmenbesichtigung war ein gemeinsames Mittagessen in einem eigens für unseren Besuch errichteten Festzelt mit Tischen und Bänken. Ein Pizzabäcker zelebrierte schmackhafte Spezialitäten aus seinem Ofen und die Stimmung aller Beteiligten konnte nicht besser sein. Schwer fiel uns der Abschied von dieser ebenso fachlichen wie gastfreundschaftlichen Stätte.

Die Busse warteten und weiter ging die Fahrt nach Winterthur zu unserem nächsten Ziel, dem Gewerbemuseum, Kirchplatz 14. Besichtigung der Uhrensammlung Kellenberger, „Zeitreise durch vier Jahrhunderte“, mit Einblick in die Restauratorenwerkstatt; Führung durch die Konservatorin Frau Brigitte Vinzens stand als nächstes auf dem Tagesplan. Seit 1999 befindet sich die Sammlung von Weltrang, die Konrad Kellenberger in 44 Jahren zusammengetragen hatte, in den Räumen des Gewerbemuseums. Thematisch gegliedert und mit erläuternden Texten zur Geschichte der Zeitmessung versehen, lädt die Präsentation zu einer Zeitreise ein. Sie führt vorbei an frühen Instrumenten zur Himmelsbeobachtung, an Sonnen- und Sanduhren, an Räderuhren und Prunkuhren aus der Renaissance bis hin zu Taschenuhren und zu elektrischen Zeitmessern. Schwerpunkte der Sammlung bilden die berühmten eisernen Konsolenuhren der Winterthurer Uhrmacher Liechti aus dem 16. und 17. Jh. und eine bedeutende Kollektion von Schweizer Holzräderuhren des 18. Jh. Aber auch der sich wandelnde Herstellungsprozess vom Einzelstück zur Serienproduktion wird illustriert. Schon am Bushalteplatz erwartete uns Frau Vinzens, fröhlich und unkompliziert, wie immer. Einer kurzen aber herzlicher Begrüßung folgte sogleich der Rundgang durch das Museum. Je nach persönlichem Interesse teilte sich die Gruppe auf und betrachtete die in vieler Beziehung wohl einmaligen Exponate.

 

Eine der wunderbaren Uhren im Museum in Winterthur

 Wohltuend ist es, dass trotz der großen Stückzahl und Vielfalt noch ausreichend Abstand zwischen den einzelnen Preziosen ist. Das Auge kann ungestört die Details abtasten und wird nicht schon vom „Nachbarstück“ beeinträchtigt. Frau Vinzens gab trefflich fachliche Auskunft und hatte zudem „Ihre“ Werkstatt geöffnet und auch dort hatten wir freien Zugang. Es ist kein Geheimnis, dass Frau Vinzens eine exzellente Uhrmacherin ist und sich gerade auf dem Gebiet der frühen Uhren nicht nur in der Theorie bestens auskennt. Die Restaurierung alter Uhren ist neben der Musik (wo sie ebenfalls hervorragendes leistet) eine besondere Domäne. Der Amboss in ihrer Werkstatt gibt beredtes Zeugnis davon, dass hier wirklich defekte Teile unter restauratorischen Gesichtspunkten zu neuem Leben erwachten.

An dieser Stelle sei der Hinweis erlaubt, dass über „Die Uhrmacherfamilie Liechti von Winterthur und ihre Werke“ im Herbst 2006 ein neu überarbeitetes Buch erschienen ist. Autoren sind Adolf Schenk und Georg von Holtey. Verlag: Gewerbemuseum Winterthur, ISBN 3-9520940-3-X 10, Broschüre, Maße: 210x160 mm, Preis, wenn ich mich recht erinnere, 22,50 Euro, plus Porto. Auf 104 Seiten wird hier in Wort und Bild, teils farbig, die Geschichte der Familie Liechti behandelt und die wichtigsten Uhren gezeigt. Ein wirklich empfehlenswertes und umfassendes Buch.

Bei der Vielfalt an Eindrücken war es nicht verwunderlich, dass die Zeit wie im Flug verging und zur Heimreise gemahnt wurde. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Frau Vinzens für den freundlichen Empfang und die Geduld bei der Beantwortung vieler Fragen. Wohlbehalten gelangten wir wieder nach Luzern und verbrachten den freien Abend in der Stadt.

Keine Nacht ist so lang, oder in diesem Fall besser so kurz, dass Sie kein Ende hat. Schnell war es Samstag und das Programm ging weiter.

Nach dem Frühstück versammelten wir uns vor dem Hotel und machten uns unter der Führung von Thomas Muff und Oskar Näpflin auf den Weg zum Rathaus von Luzern.

Vor dem altehrwürdigen Gebäude, in der Zeit von 1602 bis 1606 im Stil der italienischen Renaissance errichtet, wurden wir von Herrn Hanspeter Muff, dem Senior der Familie Muff und einer Rathausführerin bereits erwartet. Nach einer Einführung über das Bauwerk und seine Geschichte betraten wir das Rathaus.

 

Unser Führer zu den „Uhr-sachen“ in Luzern,

der Stadtuhrmacher von Luzern, Jörg Spöring

 Im Rathaussaal erwartete uns der Eidgenössische Dipl. Uhr-machermeister Jörg Spöring, Stadtuhrmacher und Zeitrichter von Luzern. Er stellte sich und seine Arbeit in einer launigen Rede vor. Mit 73 Jahren, die man ihm nicht ansieht, macht er täglich seine Tour zum Rathaus und zum Zytturm an der Museggmauer. An beiden Orten werden täglich die gewichtbetriebenen Uhrwerke aufgezogen. Im Zytturm befindet sich die älteste Uhr der Stadt aus dem Jahre 1535, hergestellt von Hans Luter. Diese Uhr hat das Privileg, eine Minute vor allen anderen Uhren der Stadt die Stunden zu schlagen. Der Restaurierung und Pflege durch Herrn Spöring verdanken diese Zeitzeugen aus längst vergangenen Tagen, dass sie heute noch die öffentliche Zeit anzeigen. Eine Führung durch das sehenswerte Innere des Rathauses mit seinen wunderbaren Decken und Vertäfelungen im Ratsaal, in der Bibliothek, im Lesesaal, im Porträtsaal und in dem z. Zt. von Restauratoren belegten Archiv war das Vorspiel zum Aufstieg zur Rathausuhr. Doch auf dem Weg dort hin führte der Weg durch das Vestibül des Rathaussaales. Eine hoch aufragende Standuhr säumte den Weg und zog alle Blicke auf sich. Eine zierliche Dame stand lächelnd an der Uhr und erklärte, dass es sich dabei um eine Uhr aus dem Jahr 1553 handelt, die von dem Züricher Uhrmacher Hansen Luther(er) hergestellt wurde. Diese Uhr betreibt über ein verzweigtes System von Zeigerleitungen insgesamt vier Nebenuhren in den angrenzenden Räumen. Die prachtvollen Zifferblätter hatten wir zuvor schon gesehen ohne zu wissen „was dahinter steckt“.

 

Eines der Zifferblätter in den Räumen des Rathauses

  Seit 454 Jahren verrichtet das Werk seine Arbeit. Im Laufe der Zeit wurde die Uhr mehrmals überarbeitet, zuletzt erhielt sie 1906 ein Langpendel, was die Ganggenauigkeit nochmals verbesserte. Diese Arbeiten wurden durch Ungerer aus Straßburg ausgeführt. Jetzt wird sie seit über 40 Jahren von Herrn Spöring betreut und aufgezogen. Übrigens, die freundliche Dame war Frau Louise Spöring, die Ihren Mann bei seiner Arbeit tatkräftig unterstützt und oft begleitet. Nach dieser „Zwischenstation“ ging es wirklich den Turm hinauf, zur Rathausuhr aus dem Jahr 1788. Dieses Werk, vom Uhrmacher Grüter aus Weggis, einer kleinen Ortschaft am Vierwaldstättersee gefertigt, wurde 1841 vom Uhrmacher Suter aus Kleewald restauriert.

 

Die Hemmung der Turmuhr im Rathaus, Scherengang

 

Die Legende berichtet, dass diese neue Rathausuhr zuvor im Kirchturm zu Weggis stand. Durch einen Blitzschlag wurde der Turm in Brand gesetzt und die Luzerner Regierung hätte das Wrack der Uhr gekauft. Die Uhr sei durch den erwähnten Uhrmacher Grütter wieder hergestellt worden. Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ist nicht verbrieft, wird aber zurzeit erforscht.

 

Der Zeigerwerksabtrieb teilt sich auf für zwei Zeitanzeigen. Zuerst wird der Stundenzeiger des großen Zifferblattes angetrieben. Ein Minutenzeiger ist hier nicht vorhanden, dafür hat es der Stundenzeiger in sich. Mit  einem Gewicht von mehr als 40 kg ist er eine ebenso gewichtige wie wichtige Erscheinung. Die Spitze, als Sonne ausgebildet zeigt die Stunden und am anderen Ende bildet der Mond das Gegengewicht. Über dem Zifferblatt ist eine große Scheibe, die in 59 Tagen eine Umdrehung macht. Auf dieser Scheibe sind zwei vergoldete Mondscheiben angebracht. Das ergibt zwei Lunation von 29 ½ Tagen mit dem bekannten Fehler von einigen Stunden. Die zweite Zeigerleitung führt senkrecht den Turm hinauf zu einem „Turmaufsatz“ mit vier weiteren Zifferblättern. Hier werden auf  drei Zifferblättern Minuten und Stunden angezeigt, auf dem vierten Blatt nur die Stunden.

 

Der Rathausturm, unten das große Zifferblatt

mit der Stunden- und Mondphasenanzeige, darüber

der aufgesetzte kleine Turm mit vier Zifferblättern.

 

 Doch der Besuch im Rathaus und die geschilderten Besichtigungen waren erst der Auftakt des Tages. Weiter ging es dann unter der kundigen Führung von Herrn Hanspeter Muff durch die Gassen von Luzern, zur alles überragenden Museggmauer. Teil der Mauer, deren Bau in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts begonnen wurde, ist der Zytturm (Zeitturm), er wird auf das Jahr 1408 datiert. In der Bauabrechnung vom Bauherrn Kupferschmied ist es so hinterlegt. Die erste öffentliche Schlaguhr von 1385, von Magister Heinrich Halder aus Basel, wurde ebenfalls 1408 vom Gragenturm in den Zytturm versetzt, so berichtet der. Chronist Renward Cysat). Die Mauer mit ihren Türmen hat heute noch eine Länge von 870 Metern und ist ein einzigartiges Baudenkmal mittelalterlicher Zeit. Ein Bereich der Mauer ist begehbar und ermöglicht einen wunderbaren Ausblich auf Luzern, den Vierwaldstättersee und die herrliche Bergwelt.

Zytturm, wie der Name schon vermuten lässt, ein Turm, der etwas mit der Zeit zu tun hat. Er beherbergt auch wirklich eine Uhr, deren Einbau bereits im Jahr 1535 erfolgte. Durch die hochgelegene Mauer und in Verbindung mit der Höhe des Turmes (31 m) war es möglich, über das außen angebrachte Zifferblatt den Fischern auf dem See die Zeit zu zeigen. Der Turm ist heute öffentlich zugängig und die Uhr, bequem über eine breite Holztreppe zu erreichen, ist wohlverwahrt in einer großzügig verglasten Umhausung. Wir wurden vom Uhrmachermeister Henry Rhein erwartet; ihm ist die Liebe zu Turmuhren anzumerken, wenn er fachkundig über Zeitgeschichte und Technik berichtet. Hansen Luter (Hans Luterer) ein Zeitgenosse von Lorenz Liechti hat die Uhr gefertigt und 1535 dem Rat von Luzern übergeben. Bis heute verrichtet sie Ihren Dienst, nicht zuletzt dank der Wartung und des täglichen Aufzugs des Luzerner Stadtuhrmachers Jörg Spöring. Bei diesem Namen, der dem Leser bekannt vorkommen mag, ist anzumerken, dass es sich dabei um den Erbauer der weltberühmten „Türler-Uhr“ handelt, die astronomische Uhr steht in Zürich, am Paradeplatz bei Juwelier Türler. In neunjähriger Bauzeit, in Zusammenarbeit mit dem promovierten Uhrmachermeister Ludwig Oechslin, Leiter des Internationalen Uhrenmuseums (musée international d'horlogerie) in La Chaux-de-Fonds, entstand die Uhr in Spörings Werkstatt. Mit einer Fülle von Eindrücken verabschiedeten wir uns vom Zytturm und der beeindruckenden Uhr, einem noch „lebenden“ Zeugen aus längst vergangener Zeit. Dessen Pendel, mit der beachtlichen Länge von 9 m, hoffentlich noch viele Jahre schwingen darf und der Stadt Luzern und ihren Bewohnern über Zifferblatt und Schlagglocke eine gute Zeit verkünden möge.

Als Literaturhinweis seien zwei Schriften erwähnt:

a) „Die Uhr im Zytturn uff Musegk zu Lucern, 1385 – 1535“, 1975 herausgegeben von Spöring & Co, Uhren & Bijouterie, Luzern, Broschüre, 44 Seiten, 205 x 215 mm. Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich, Preis je nach Ausgabe und Zustand um die 50,00 Euro. Es gibt zwei Ausfertigungen, 3000 broschierte Exemplare und 200 leinengebundene handschriftlich nummerierte Bücher.

b) „Zur Geschichte der Turmuhren in Freiburg im Breisgau“ Autor ist Dr. Christoph Hallermann, Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau, 2001, ISBN 3-89155-256-4, 48 Seiten broschiert, 208 x 270 mm. In diesem Buch, das noch für ca. 12,-- Euro plus Versandkosten erhältlich ist, sind die Freiburger Uhren beschrieben, soweit sie von Luterer gefertigt wurden.

 

Auf der Museggmauer, rechts der „Zytturm“

 Der Vormittag neigte sich dem Ende und es zog uns wieder zu unserem Tagungshotel. Nach einer verdienten Stärkung kamen wir zum Tagungsteil mit den Fachvorträgen. Die Internationalität machte es natürlich erforderlich die Führungen und Vorträge sowohl in deutsch wie auch in englisch zu verfassen und vorzutragen. Bei den Besichtigungen herrschte ein buntes Sprachengemisch und es war interessant zu beobachten, wie die einzelnen Fachbegriffe, so sie nicht geläufig waren, mit schönen Umschreibungen gefunden wurden. Pendel scheint einfach, Pendel, Pendule, Pendulum, Pendolo, doch dann fällt das Wort Slinger. Verständnislose Blicke; doch unsere Freunde aus den Niederlanden, in der Regel sprechen Sie außer Ihrer Muttersprache noch englisch und deutsch, erklären, dass „Slinger“ doch das niederländische Wort für Pendel ist und schon ist alles klar.

Das erste Vortragsthema lautete „Schwilgué, Turmuhrmacher aus Straßburg“, Prof. Denis Roegel, aus Frankreich, ein brillanter Kenner der Geschichte und der Uhren von Schwilgué und Ungerer führte uns in dieses Thema ein. Die Fortsetzung dazu kam in Vortrag drei, mit der Überschrift „Schwilgue und die astronomischen Indikationen der Uhr im Straßburger Münster“. Die fachlich sehr fundierten Vorträge beleuchteten das Leben von Schwilgué und seinen Werken. Bilder und Zeichnungen vermittelten einen Eindruck der komplexen Zusammenhänge von mathematischen Berechnungen und der Umsetzung in die Mechanik. Themen, die alleine mehrere Tage füllen könnten. Passend zum Kapitel der Zeitmessung hörten wir als Vortrag zwei von Walter Brouns aus den Niederlanden etwas über „Christian Huygens und das Pendel“. Unterstützt von Bildern zog der Lebensabschnitt Huygens an uns vorbei, der sich mit der Zeitmessung und dem Pendel beschäftigte. Klar, Huygens dürfte jedem ein Begriff sein, doch so belegt ist es nochmals eine neue Erfahrung. Nach soviel Technik- und Geschichtsdaten kam eine kurze Pause sehr gelegen und der nächste Referent konnte sich vorbereiten.

Vortrag vier hatte die Überschrift „Die Basler Stunde“ und Christian Borck nahm das Wort. In gewohnter Weise gut recherchiert und zusammengestellt brachte er uns nahe, weshalb auf dem vielen Uhrenfreunden bekannten Stich Nova Reperta Nr.5 „Horologia Ferrea“  von Jan van der Straet (Stradamus), aus dem 16. Jahrhundert, ein Zifferblatt zu sehen ist, dass an der Stelle der Zwölf oben eine Eins hat. Verständlich wird diese Basler Stunde wenn man der Legende Glauben schenkt. Demnach wurde die Stadt Basel von Feinden belagert. Die Belagerer hatten Kollaborateure in der Stadt und verabredeten, dass in der Nacht ein Überfall stattfinden sollte. Als Signal wurde 12 Uhr Mitternacht vereinbart. Mit dem Stundenschlag sollten die Kampfhandlungen beginnen. Der Türmer und für die Uhr Verantwortliche hörte von diesem Plan. Es blieb ihm aber keine Zeit die Wachen in aller Stille darüber zu informieren. Um den Feind zu irritieren stellte er die Uhr um eine Stunde vor, ersetzte er den Zwölfuhrschlag mit durch den Schlag für Einuhr und die Verschwörer waren verunsichert, sie gingen in der Annahme, die Angriffszeit versäumt zu haben, in ihre Behausungen zurück. Die Angreifer von außen stellten ebenfalls ihr Vorhaben ein. Es ist nur eine Geschichte, nicht wahr? aber schön zu lesen. Die wirklichen Zusammenhänge wurden in dem Vortrag geschildert. Verbrieft ist, dass erst seit dem 1. Februar 1798 auch in Basel die Uhren so zählen, wie in der übrigen Schweiz und den benachbarten Ländern.

Im Anschluss an die Vorträge war zum Festlichen Abendessen geladen. Dem Anlass entsprechend gekleidet und in fröhlicher Stimmung wurde getafelt und erzählt. Hier kam zum Ausdruck, dass die Teilnehmer des Symposiums auch in festlich geselliger Runde einander viel mitzuteilen haben. Unsere Ehrengäste des Abends waren das Ehepaar Louise und Jörg Spöring. Fachgespräche, Anekdoten, persönliches, untermauert mit Bildern vom Enkelkind bis zur restaurierten und/oder erworbenen Uhr, füllten den Raum. Zu dem Abend zählten auch Vorträge wie Gedichte, Lieder, Reden und Ehrungen. Es war ein langer Abend (oder schon früher Morgen?).

Der Sonntag, Abreisetag, versprach nochmals zwei Fachvorträge. Unser Freund aus den Niederlanden, Bert Cremers, berichtete über die „Turmuhrmacher der Niederlande“. Es war interessant zu hören, wie die Entwicklung bei unseren Nachbarn verlaufen ist und mancher Name, wie zum Beispiel Bonaventura Eijsbouts (Eisbauts gesprochen), aus Asten, kam uns bekannt vor. Diese 1872 gegründete Firma existiert noch heute und liefert ihre Produkte unter der jetzigen Firmenbezeichnung „Royal Eijsbouts“ weltweit. Dann folgte Vortrag fünf. Von allen mit Spannung erwartet kam Frau Dr. Ing. Marisa Addomine aus Italien zu Wort. Frau Addomine ist die Präsidentin des „Registro Italiano Orologi da Torre“, also einem Gegenstück zum Fachkreis Turmuhren. Sie hatte im Vorjahr über die Entdeckung einer Turmuhr aus dem 14. Jahrhundert in der Stadt Chioggia, in Italien berichtet. Der heutige Vortrag hatte den Titel “Die Chiaravalle Uhr“. Die Recherche nach der Vergangenheit einer aufgefundenen Turmuhr ist das Besondere an den Vorträgen von Frau Addomine. Gemeinsam mit Ihrem Mann Daniele forscht sie in Archiven, entziffert alte Schriften und befragt Personen die im Umfeld des Forschungsobjektes leben. So erwacht aus dem Vortrag ein lebendiges Bild der Uhr und man glaubt sich förmlich hineinversetzt in die Zeit ihrer Entstehung und erlebt mit ihr die Zeit bis heute oder auch bis zu ihrem vorzeitigen Untergang. Tragisch ist, dass die Uhr von Chiavaralle, dieses Meisterwerk, welches in Aufzeichnungen von Leonardo da Vinci in Wort und Schrift festgehalten wurde, heute nicht mehr existiert. 1842 war die Uhr noch nachweislich im Turm der Zisterzienserabtei. Heute nimmt ihren Platz ein Uhrwerk aus dem 19. Jahrhundert ein, das von den Brüdern Cappé in Casorate, einer kleinen Stadt nahe von Mailand, hergestellt wurde. Vom alten Werk und dem astronomischen Getriebe ist keine Spur mehr vorhanden. Hier enden die Fachvorträge und etwas Wehmut, nicht nur abgeleitet aus dem letzten Bericht, kommt auf.

Es folgte eine Zusammenfassung des Symposiums, ein Bericht über die die Finanzen und die Arbeit des Fachkreises auf Schloss Raesfeld, wo wir eine neue Turmuhr nach altem Vorbild schmieden. Es galt noch abzustimmen, wo das nächste Treffen des Fachkreises im Jahr 2008 sein soll. Zur Wahl standen die Orte Hamburg, Lübeck, Stuttgart, Esslingen, Stralsund und Rostock. Die Wahl fiel auf den Raum Stuttgart. Für das nächste internationale Symposium, geplant für 2009, wurden England, Italien oder die Niederlande vorgeschlagen.

Mit einem ausgiebigen Lunch für die Heimreise gestärkt und in der Vorfreude auf 2008 klang das internationale Symposium in Luzern aus.

Die Bilder zu diesem Bericht wurden zur Verfügung gestellt von:

Brigitte Knögel, Lothar Bornschein, Thomas Muff und vom Verfasser.

Ekkehard Koch

 



 

Tagungsbericht 2006

Fachkreis Turmuhren,

Turmuhrensymposium,

11. bis 14. Mai 2006 in D-38640 Goslar

         

Das mit Spannung erwartete Treffen der Freunde der Turmuhren war in diesem Jahr im Hotel  „Der Achtermann“, Hotel und Tagungszentrum, Rosentorstraße 20, D-38640 Goslar. In geschichtsträchtiger Umgebung fanden wir in diesem großartigen Hotel  freundliche Aufnahme und allerbesten Service vor. Zimmer und Tagungsraum luden zum gastlichen Verweilen und die Küche gab ihr Bestes die Tagungsteilnehmer zu verwöhnen. In dieser "Wohlfühlatmosphäre" trafen sich über 90 Teilnehmer aus Europa und Übersee. Das Programm war wohlgefüllt mit Besichtigungen und Fachvorträgen. Gleich am Anreisetag, nach dem gemeinsamen Abendessen, führten uns Uhrenfreunde aus Goslar zur "Marktkirche", mit Besichtigung der ersten von Weule gebauten Turmuhr, die noch heute in Funktion ist. Uhrmachermeister Gerhard Wilde, der auch die Uhr betreut, erklärte Geschichte und Funktion der Uhr. Aus der Türmerstube, die nach 124 Stufen erreicht war, hatten wir einen schönen Blick über die abendliche Stadt. Frau Regine Wilde hatte zu einer Stadtbesichtigung eingeladen und führte durch die malerischen Gassen der Altstadt von Goslar. Gut restaurierte Fachwerkbauten säumten den Weg, der schlussendlich bei einem Glas Bier und mit vielen Gesprächen endete.

Der kommende Tag, Freitag, war ein Reisetag. Um 08:00 Uhr starteten wir mit 2 Reisebussen nach Braunschweig. Unser Ziel war die PTB (Physikalisch Technische Bundesanstalt) hier war der Besuch des Zeitlabors mit seinen "Atom-Uhren" vorbereitet.

am Eingang zur PTB

Die Betreuung durch die Herren Dr. Jens Simon,  Dr. Weyers, Dr. Kleine-Ostmann und Dr. Ramm, war bestens. Kurzvorträge und Führungen zu den Themen: Zeit und Frequenz, Elektrizitätszähler Kabinett, elektro-magn. Felder erklärten die praktischen Vorführungen. Es war beeindruckend in unmittelbarer Nähe der genauesten Uhren der Welt zu stehen, deren Zeitsignale unsere Funkuhren steuern.

eine der Atomuhren im Zeitlabor der PTB

Wer hat es nicht schon gehört "DCF77" D=Deutscher; C=Langwellensender; F= Frankfurt; 77,5 kHz =Trägerfrequenz. Kurz und gut, es war beeindruckend! Ein Mittagessen in der Kantine der PTB gab Raum zur Entspannung und Vorbereitung auf das nächste Tagesziel.

Weiterfahrt nach Bockenem und Besuch des Turmuhrenmuseums am Buchholzmarkt, nahe der Pankratius Kirche, mit besonderen Stücken der Firma Weule, die in dieser Stadt ihre Fertigung hatte. In diesem, ganz auf Turmuhren ausgerichteten Museum erwarteten uns die Herren Bothe und Linne. Unter ihrer Fachkundigen Leitung die einzelnen Uhrwerke erläutert zu bekommen, ist schon etwas ganz besonderes.

Herr Walter Linne und "seine" Plantagenuhr

 ....und so sieht das seltene Stück von 1924 aus

Das Museum zeigt wirklich einen liebevoll zusammengetragenen Querschnitt aus der Fertigung der Firma Weule. Ein Besuch ist jedem Freund der Turmuhren nur zu empfehlen. Es wurde uns nicht leicht, diesen Ort zu verlassen, doch die Zeit zur Rückkehr nach Goslar drängte.

Auf dem Rückweg besuchten wir in Hahnenklee, unweit von Goslar, noch eine bauliche Besonderheit, die Stabkirche.

 

Die Stabkirche in Hahnenklee

Es ist ein Kirchenbauwerk in norwegischer Tradition aus dem Jahre 1908.

Blick in den Innenraum der Stabkirche

Das ganz aus Holz errichtete Gebäude von innen zu erleben und der Erklärung zu lauschen war ein würdiger Abschluss des ereignisreichen Tages.

Der Samstag wartete wieder mit einem Besichtigungsprogramm auf.  Wir fuhren zunächst nach Ilsenburg, zur 1530 gegründeten  traditionsreichen Fürst Stolberg Hütte, einer Gießerei für Feinguss.

Herr Roer, Vater des Firmeninhabers, begrüßt uns

Hier konnten wir im Rahmen einer Betriebsbesichtigung mehrere Gießvorgänge miterleben.  

Ein Maschinenteil wird gegossen

Es entstanden vor unseren Augen Maschinenteile aus Grauguss und filigrane Dinge wie z.B. eine Schale mit filigranem Muster.

Teilansicht einer kunstvoll geformten und gegossenen Schale

aus Grauguss, heute eine wirklich seltene Kunst

Der Besuch der Fürst Stolberg Hütte in Ilsenburg ist empfehlenswert; hier kann nachvollzogen werden, wie die Gestelle und Teile der ersten industriell gefertigten Turmuhren hergestellt wurden.

Weiter ging es, nächstes Ziel Bad Grund, mit dem Uhrenmuseum der Familie Berger.

immer ein schöner Anblick, das Uhrenmuseum in Bad Grund

Vor der Besichtigung war es sinnvoll, sich zunächst im Cafe des Museums, bei Stefanie Berger, der Tochter der Inhaber, an selbst hergestellten Köstlichkeiten zu laben. Die über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Torten und Kuchen erlebten großen Zuspruch und bildeten eine perfekte Grundlage vor dem Museumsrundgang. Genau kann ich es nicht sagen, aber es werden sicher über 1500 Exponate aus der Welt der Uhren gezeigt. Torge Berger, Sohn der Inhaber, seines Zeichens Uhrmachermeister, stand uns Besuchern mit Rat und Auskunft zur Verfügung. Besonders beeindruckend waren natürlich die vielen funktionsfähig aufgestellten Turmuhren. Von der geschmiedeten Uhr bis zum Ende der industriemäßig hergestellten Uhrwerke ist alles zu sehen.

Der Saal mit den Turmuhren

Es gab vieles zu sehen und zu bestaunen, die Zeit verging wie im Flug und für manchen kam der Abschied auch nach Stunden des Aufenthaltes noch zu früh. Es ist eben ein Museum, das selbst nach vielen Besuchen immer noch unentdecktes bereithält und somit immer wieder ein Anziehungspunkt für Uhrenfreunde ist.

Zurück in Goslar verblieb nur kurze Zeit sich für das festliche Abendessen vorzubereiten. Im Turmsaal waren festliche Tische gedeckt in froher Runde, begleitet von Gesprächen, Reden und vorgetragenen Gedichten zum Thema Uhren von Frau Lüttke-Buddrus verging Stunde um Stunde. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass unser Freund Christian Borck wieder ein "Uhrendenkspiel" ausgearbeitet hatte, dessen Lösungen nun bekannt gegeben wurden. Natürlich fehlte auch die Siegerehrung nicht. Es soll, da es noch einen Geburtstag zu feiern galt, früh geworden sein.

Am Sonntag, dem Tag der Abreise begannen gleich nach dem Frühstück die Fachvorträge. 

Frau Dr. Ing. Marisa Addomine, Presidente Registro Italiano Orologi da Torre (ONLUS), Italien; berichtete in Wort und Bild ausführlich über "Die Entdeckung einer Turmuhr aus dem 14. Jhd in der Stadt Chioggia in Italien". An Hand von Bildern und Auszügen aus alten Schriften verdeutlichte und Frau Addomine die Besonderheit dieses Fundes und zog Parallelen zu den ältesten in England gefundenen Turmuhren, wie z.B. zur Turmuhr von Salisbury, deren erste Erwähnung zurückreicht in das Jahr 1386.

 

Die vorgestellte Uhr aus Chioggia in Italien

Herr Fortunat Mueller-Maerki aus den USA hielt den nächsten Vortrag über "Die Rettung einer Turmuhr" in einer kleinen Kirchengemeinde in den USA. In der Stadt Ossining, im State New York, hatten sich Turmuhrenfreunde, alles keine Turmuhrmacher, zusammengeschlossen und in mühevoller Kleinarbeit ein Turmuhrwerk repariert. Im Rahmen dieser Arbeiten mussten wesentliche Teile der Hemmung neu ersonnen und angefertigt werden. In diesem Beitrag wurde wieder einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, sich für technische Zeugen aus vergangenen Zeiten einzusetzen um diese vor dem Untergang zu bewahren.

Im Verlauf der Tagung stellten die "Schmiede" im Fachkreis Turmuhren das Ergebnis ihrer Arbeiten auf Schloss Raesfeld vor. Das fertige Gestell der in Schmiedearbeit angefertigten Turmuhr war aufgebaut und zusätzlich die weiteren Teile wie Radringe, Achsen und Hebel.

Ergebnis der Schmiedearbeiten auf Schloss Raesfeld

Den Abschluss, vor dem Lunch als Stärkung für die Heimreise, bildete wieder eine Rückschau auf das vergangene Jahr und ein Blick auf die künftigen Aufgaben und Aktivitäten im Fachkreis Turmuhren.

Ekkehard Koch