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Tagungsbericht 2010
20 Jahre Fachkreis
Turmuhren in der DGC
Internationales
Turmuhrensymposium,
22. bis 25. April 2010,
in der Akademie des Handwerks,
Schloss Raesfeld, D-46348
Raesfeld

Das
Jahrestreffen des F-K-Turmuhren ist immer ein wichtiger Termin für die
Mitglieder aus Deutschland und den benachbarten Ländern. Seit zu dieser
Veranstaltung international eingeladen wird, kommen immer mehr Freundinnen
und Freunde der Turmuhr aus unseren Anrainerländern. In diesem Jahr
begrüßten wir Teilnehmer aus England, Italien, den Niederlanden, Österreich,
der Schweiz und den USA. Bei einer Teilnehmerzahl von über 90 Personen war
die Bettenkapazität des beschaulichen Ortes Raesfeld, es liegt im
Münsterland, schnell erschöpft. Entlastung brachten hier Privatquartiere bei
Freunden.

Bild 1,
Blick auf den Schlosshof
Das
Symposium stand ganz im Zeichen der fachlichen Auseinandersetzung mit dem
Themenkreis Turmuhren. In verschiedenen Arbeitsgruppen wurde in Theorie und
Praxis gearbeitet. Die angemieteten Tagungsräume und Werkstätten der
Akademie gaben die Möglichkeit die gewählten Themenschwerpunkte in Wort und
Tat umzusetzen.

Bild 2,
In der Schmiede wartet dass Uhrwerk aus dem Sterndeuterturm auf
Restaurierung
Seit der
Gründung des Fachkreises vor 20 Jahren haben die Mitglieder
länderübergreifend Ihre Erfahrungen ausgetauscht und den Wissensstand
vertieft; so auch in diesem Jahr. Die gemeinsame Arbeit hat im Laufe der
Jahre viele neue Erkenntnisse gebracht und dabei auch manchmal Überliefertes
in Frage gestellt, bzw. fachlich begründet und alte Thesen korrigiert.
Über dem
Schlosshof wehte die Flagge des F-K-Turmuhren während die Teilnehmer am
Symposium anreisten. Nach der persönlichen Begrüßung gab es eine Führung
durch die Werkstätten und Tagungsräume der Akademie und einige
geschichtliche Hintergründe zum Schloss und der Akademie. Uhrmachermeister
Reinhold Flüthe hatte zwischenzeitlich im Lehrsaal 1 einen kleinen
Maschinenpark nebst Handwerkzeugen aufgebaut und zeigte handwerkliche
Techniken aus dem Bereich der Veredlung von Kleinuhrwerken.

Bild 3,
Einblicke in die Fertigungstechnik von Kleinuhren
Vor den
Augen der Betrachter entstand ein Genfer-Streifenschliff auf einer
Uhrwerksbrücke ebenso wie der Sonnenschliff auf einem Sperrrad einer
Taschenuhr. Wartezeiten zum Abendprogramm wurden dadurch zu einem Einblick
in die „Kleinuhrmacherei“.
Auftakt des
Symposiums war ein gemeinsames Abendessen im Rittersaal des Schlosses, einer
Wasserburg mit Ursprüngen und Gebäudeteilen aus der Renaissance.
Im Anschluss
daran gab es einen Einführungsvortrag zur Astronomischen Uhr im Dom zu
Münster. Dr. Bernd Mosel, der sich seit geraumer Zeit mit dieser Uhr
beschäftigt, bereitete auf den am nächsten Tag bevorstehenden Besuch des
Domes zu Münster vor.
Am folgenden
Tag, Feitag, reisten die Teilnehmer erwartungsvoll nach Münster. Dort
warteten bereits Domführer und Stadtführerinnen um die Besonderheiten des
St. Paulus Domes und der Stadt zu erläutern. Dr. Mosel erklärte die
astronomischen Indikationen der Uhr vor Ort und es gab reichlich Gelegenheit
Film oder Chip der Kameras zu füllen.
Bild 4
Teilansicht der Astronomischen Uhr
Nach der
Dombesichtigung teilten sich die Gruppen, einige folgten den
Stadtführerinnen. Eine der Damen führte die Gruppe mit unseren englisch
sprechenden Teilnehmern und brachte ihnen die schönen Seiten von Münster in
ihrer Landessprache nahe. Der Gang durch den historischen Stadtkern, bei
strahlendem Sonnenschein, war ein besonderes Erlebnis. Die Krönung war
jedoch für viele der Besuch des Friedenssaales im Historischen Rathaus von
Münster. Hier wurde am 15. Mai 1648 ein wichtiger Teilvertrag des
Westfälischen Friedens beschworen, das war das Ende des Dreißigjährigen
Krieges.
Die mehr an
Uhren interessierten, es waren nicht nur Herren, fuhren mit einem Bus weiter
nach Telgte. Telgte liegt vor den Toren von Münster und wartete mit drei
wichtigen Besonderheiten auf. Unsere Mitglieder, Dr. Henning Thoholte und
Uhrmachermeister Reinhold Flüthe hatten zum Besuch einer kleinen privaten
Turmuhrsammlung und zur Besichtigung einer Uhrmacherwerkstatt für die
Restaurierung von historischen Uhren eingeladen.

Bild
5,Turmuhrwerk von Rochlitz Berlin, 1880
Herr Flüthe
sen. freute sich zur gleichen Zeit im Museum Heimathaus Münsterland auf
unsere Gruppen. Herr Flüthe sen. seines Zeichens ebenfalls Uhrmachermeister
ist nun im Ruhestand, aber sein Herz schlägt nach wie vor für die
Uhrmacherei. In einer kleinen Uhrmacherwerkstatt im Museum verblüfft er, er
hat die 75 bereits überschritten, noch immer die Besucher mit Dreharbeiten
von höchster Genauigkeiten am Drehstuhl. Dr.Thoholte gab in seinem
Privathaus einen Einblick in sein Uhrenhobby. Turmuhren haben es ihm
besonders angetan. Sein Grundsatz ist, nichts Restauriertes erwerben, alles
selbst machen, darin liegt die Würze. Von Haus aus ist er Mediziner, und
Uhren sind da ein guter Ausgleich.
Bei Reinhold
Flüthe jun., Uhrmachermeister und Restaurator, warteten in seiner Werkstatt
neben vier Uhrmacherinnen und Uhrmachern auch viele Uhren auf uns. Hier wird
alles repariert und/oder restauriert was ein Uhrwerk hat. Von der
Spindeltaschenuhr bis zur Standuhr mit Carillon.

Bild 6,
Herr Flüthe sen. am Drehstuhl
Alle
besichtigten Orte hinterließen einen tiefen Eindruck vom Einblick in Hobby
und Beruf. Schön war es auch, auf gestellte Fragen fachlich fundierte und
kluge Antworten zu bekommen. Rasch verging die Zeit und die Fahrt zurück
nach Raesfeld drängte. Der Abend war ausgefüllt mit einem Besuch bei Josef
und Ina Schröer in Bocholt. Die Turmuhrsammlung dort war, vor allem für
unsere neuen Mitglieder und ausländischen Gäste, ein besonderer Höhepunkt
und Ausklang des erlebnisreichen Tages.

Bild 7 Im
Museum von Josef und Ina Schröer
Einige
unermüdliche trafen sich im „Hotel am Sterndeuterturm“ zum offenen Singen.
Lothar Bornschein, hatte neben seiner Gitarre auch Texte von geselligen
Liedern mitgebracht und einer fröhlichen und sangesfreudigen Runde stand
nichts im Wege.
Der nächste
Tag, Samstag, gehörte den verschiedenen Aktivitäten einzelner Arbeitskreise.
Auf die Werkstätten und Seminarräume der Akademie verteilt, trafen sich die
unterschiedlichsten Interessengruppen.
Turmuhrenbau gestern und heute,
dazu waren im Lehrsaal 1 von unseren Mitgliedern mitgebrachte, besondere
Turmuhrwerke ausgestellt.

Bild
8, Freischwinger von Fuchs & Sohn, Bernburg
Einen
besonderen Raum nahm die Kategorie „Freischwinger“ ein. Manfred Harig zeigte
neben einem Freischwinger von Fuchs und Sohn aus Bernburg ein Turmuhrwerk
mit einer Hemmung von Pfarrer Feller.

Bild 9,
Freischwinger mit einer Hemmung nach Pfarrer Feller
Dieses
Uhrwerk, das als nicht funktionsfähig in die Hände von Manfred Harig kam,
erfuhr unter seinen Händen und dank akribischer Forschungsarbeit eine
wahrhafte Auferstehung und ist heute wieder voll funktionsfähig. Dritter
Freischwinger im Bunde war ein Werk das Karl-Hans Schüttler mitgebracht
hatte.

Bild
10,Turmuhrwerk eines noch unbekannten Herstellers, mit freischwingendem
Pendel nach Feller
Ein Uhrwerk,
wie es kaum jemand gesehen hatte, von besonderer Schönheit und verblüffender
Technik. Wie die Uhr von Manfred Harig war sie, nicht funktionsfähig und
teilweise zerstört, entdeckt und wieder zu neuem Leben erweckt worden.
Gerade hier wurde deutlich, wie wichtig der Austausch von Fachwissen und
Erfahrung ist, um auf diesem komplexen Gebiet zum Erfolg zu kommen. Erst
dadurch konnten beide Werke wieder funktionsfähig gemacht werden. Eine
weitere Turmuhr hatte Lothar Bornschein mitgebracht. Es ist ein kleines
Turmuhrwerk, Gehwerk, mit Stiftengang und nach dem Vorbild einer musealen
Turmuhr neu erstanden. Über den Bau der Turmuhr und seine Erfahrung während
der Bauzeit hat Lothar Bornschein ein kleines Buch geschrieben, das über den
Fachkreis Turmuhren erworben werden kann. Nicht fehlen durfte das von der
„Schmiedemannschaft“ im F-K-Turmuhren hergestellte Werk einer geschmiedeten
Turmuhr nach historischem Vorbild.

Bild 11,
Das von F-K-Turmuhren nach historischem Vorbild von ca. 1740 geschmiedete
Werk
Klaus Goerke
und Christian Borck stellten dieses Werk vor und gaben eine Einführung in
seine Entstehungsgeschichte. Für den Bereich „Elektrische Ansteuerungen von
Turmuhren und deren Regulierung“ hatte Ekkehard Koch ein Turmuhrwerk aus der
Zeit um 1900, Fabrikat Mäder aus Andelfingen in der Schweiz, mitgebracht.

Bild 12,
Turmuhrwerk von Mäder,Schweiz, ca. 1900
Dr. Bernd
Mosel erklärte an dieser Uhr die elektrotechnischen und mechanischen
Einrichtungen und deren Wirkungsweise. Eine kleine Ausstellung der vom
F-K-Turmuhren veröffentlichen Literatur zum Themenkreis Turmuhren und der
Vorstellung des neuen Fachbuches „Glocken, Turmuhren, Turmuhrbekrönungen in
und um Bocholt“ von Josef Schröer rundeten das Bild ab.
In der
Schmiede
wurde gleichzeitig unter sachkundiger Leitung von Ralf Meyer,
Schmiedemeister und Restaurator im Schmiedehandwerk, fleißig gearbeitet. Die
Schlagglocke für eine Turmuhr in einem historischen Gebäude bekam einen
neuen Schlaghammer. Das war eine der praktischen Arbeiten im Rahmen der
gemeinnützigen Tätigkeiten des F-K-Turmuhren. In diesem Zusammenhang konnte
selbst mitgearbeitet werden und es gab Antwort auf viele Fragen zur
Schmiedekunst aus vergangenen Jahrhunderten.
Bild 13,
Schmiedearbeiten für eine Schlagglocke
An einem
weiteren Arbeitsplatz hatte Lothar Bornschein seine mitgebrachte
Fräsmaschine zur Verzahnung von Rädern, wie sie zur
Großuhrenherstellung erforderlich sind, aufgebaut. Hier wurde praktisch
gearbeitet und es entstanden Zahnräder, die auch mit der Maschine ihre
Radspeichen/Schenkel bekamen.

Bild 14,
Verzahnung von Großuhr-Rädern
Es herrschte
reges Treiben in der Schmiede und die Praktiker, leicht zu erkennen an
schwarzen Händen und/oder Messingspänen in der Kleidung, waren begeistert.
Ruhiger war
es im „Malersaal“ der Akademie. Thomas Muff, unser Mitglied aus der Schweiz,
hatte einen Arbeitskreis zum Thema „Vergolden“ um sich geschart. Thema war
das fach- und sachgerechte Vergolden von Metall.

Bild 15,
Einführung in die Vergoldung
Als
Arbeitsbeispiel standen römische Zahlen im gotischen Stil zu Verfügung.
Jeder Seminarteilnehmer, und das waren sehr viele, konnte selbst ein
Zahlenpaar vergolden.
Bild 15
a, im Malersaal
Es hatten
sich auch erstaunlich viele der weiblichen Teilnehmer zu diesem Kreis
gemeldet. Das Ergebnis war eine römische Zwölf die vor einem matt schwarzen
Zifferblattsegment golden strahlt.

Bild 16,
Vergolden, feinste Handarbeit
Das strahlen
des Goldes wurde nur noch übertroffen von den leuchtenden Augen der
Teilnehmer an diesem Arbeitskreis. Heute ziert diese schöne Arbeit sicher
viele Schreib- oder Werktische.
Etwas grober
war der Bereich der Arbeitsgruppe, die sich mit der Reinigung von
Oberflächen an alten Uhrwerken beschäftigte.
Bild 17,
Reinigung von Uhrenteilen unter restauratorischen Aspekten
Im
Vordergrund stand auch hier die Erhaltung der Originalsubstanz unter
restauratorischen Gesichtspunkten. Die von Thomas Muff und seinen
Mitarbeitern vorgestellten Reinigungsmethoden erfüllen diesen Anspruch. Es
wurde deutlich, dass es selbst für erfahrene Restauratoren immer neue Wege
gibt eine gute Arbeit zu vollbringen. Eine gute Arbeit, die historisches Gut
erhält und vorausschauend sichert.
Im Nebenraum
war das Reich der weiblichen Teilnehmer des Symposiums. Hier waren die
Themen völlig anders besetzt, doch nicht weniger gefragt. Ulrike Schuler gab
einen umfassenden Einblick in die Porzellanmalerei. Aus ihrer
langjährigen Schaffensperiode hatte Ulrike Schuler wunderschöne und selbst
gefertigte Anschauungsstücke mitgebracht. Vor Staunen wurde bei der
Betrachtung die „Luft angehalten“. In ihrer fröhlichen Art weihte Frau
Schuler die sehr interessierten Damen in die Kunst des Porzellanmalens ein.

Bild 18,
Ulrike Schuler, eine versierte Porzellanmalerin
Das ist
wirklich ein Handwerk, das sowohl künstlerische Handfertigkeiten wie auch
eine große Menge an Feinsinn und Geduld erfordert. Neben der Handfertigkeit
sind großes Wissen über Farben, Glasuren, Brenntechnik und zu bemalendes
Material erforderlich.

Bild 19,
"Vorzeigestücke"
Nach dem
Vortrag waren alle Teilnehmer tief beeindruckt von der Kunst der
Porzellanmalerei im Allgemeinen und dem Können und Wissen von Frau Schuler.

Bild 20,
Einführung das Drucken mit Handmodeln
Im Anschluss
an diesen Vortrag ging es weiter mit praktischer Arbeit. Veronika Koch hatte
zum Thema „Blaudruck“, in diesem Fall das Bedrucken von Stoff mit
Handmodeln, eingeladen. Nach einer theoretischen Einführung ging es rasch
ans Werk. Model wurden ausgesucht, Farben gemischt (es gab nicht nur das
traditionelle blau) und ein Probedruck auf Papier versucht. War alles zur
Zufriedenheit gelungen, wurde Stoff bedruckt.

Bild 21,
Die Komposition feiner Muster
Es
entstanden schön verzierte Taschentücher und Servietten. Das Material war
altes Leinen, dass im Voraus auf Flohmärkten und im Bekanntenkreis von Frau
Koch erworben wurde.

Bild 22,
Die „Vorzeigestücke“ vom Samstag
Den in
anderen Arbeitsgruppen tätigen Ehemännern konnten am Abend die schönen
Ergebnisse der praktischen Nutzanwendung aus diesem Kreis nicht ohne Stolz
präsentiert werden.
Handarbeit
fand weiteren Raum. Ursula Flacke aus Münster zeigte gemeinsam mit einer
Freundin Klöppelkunst aus Böhmen und dem Erzgebirge. Es ist wahrlich
eine „Handarbeit“ die dem nicht Eingeweihten zunächst als unlernbar aber
sehr schön darstellt. Dank der erklärenden Worte der beiden Künstlerinnen
und der gleichzeitigen praktischen Vorführung konnte auch hier einiges
Wissen mitgenommen erden. Die Teilnehmerinnen an diesen Arbeitskreisen waren
so engagiert, dass sie am nächsten Tag ihr „Blaudruckerhandwerk“ fortsetzten
um noch ein kleines Geschenk für ein Geburtstagskind aus ihrem Kreis zu
erstellen und es damit zu beschenken.
Ein völlig
anderes Thema hatte der Arbeitskreis Astronomische Uhren. Dr.
Eberhard Zelinsky übernahm die Leitung dieses Arbeitskreises. Es war ebenso
eine Einführung in dieses genauso schöne wie auch anspruchsvolle Thema.

Bild 23,
Arbeitskreis „Astronomische Uhren“
Der
Anfänger konnte sich ebenso informieren wie der schon mit der Astronomie
vertraute Teilnehmer. Basis bildete eine umfangreiche Literatursammlung, vom
kostbaren antiquaren Buch bis zum neueren und preiswerten Nachschlagewerk.
Dr. Eberhard Zelinsky gab gern sein Wissen preis und auf manche Frage konnte
eine verbindliche Antwort gefunden werden. Es war erstaunlich festzustellen,
dass sich doch viele aus dem F-K-Turmuhren mit der Astronomischen Uhr
befassen und über großes Fachwissen verfügen. Dieser Arbeitskreis wird mit
Sicherheit wachsen. Geplant ist der Bau einer einfachen astronomischen Uhr.
Darüber wird zum gegebenen Zeitpunkt informiert.
Der Tag
klang aus mit dem obligatorischen festlichen Abendessen im Rittersaal.
Elegant gekleidet vorzügliche Speisen und Getränke in diesem erbaulichen
Rahmen zu genießen war einfach schön. Gespräche über die Erlebnisse während
der Tagung, über Arbeit und Vergnügen füllten den Raum. In diesem Rahmen
wurden auch zwei verdiente Persönlichkeiten aus dem F-K-Turmuhren geehrt.
Bernhard Schmidt, der Autor der bekannten Bücher „Turmuhrwerke“ und
„Turmuhrwerke II“ wurde für diese Arbeit und sein Engagement im Fachkreis
mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet. Manfred Harig, vielen bekannt für
seine unermüdlichen Nachforschungen zum Thema „Freischwinger und Pastor
Feller“ und die Rettung einer Uhr mit „Feller Hemmung“ erhielt ebenfalls
eine Ehrenuhrkunde. Damit wurde unter großen Beifall beiden Herren gegenüber
der besondere Dank des Fachkreises für geleistete Arbeit und ehrenamtliche
Tätigkeit zum Ausdruck gebracht werden.
Der Sonntag
war schon wieder Abreisetag. Doch pünktlich 9:00 Uhr begannen zwei
umfassende Fachvorträge zum Thema „Astronomische Uhren“. Claus
Peter, Glockensachverständiger der evangelischen Landeskirche von Westfalen,
sprach über die astronomische Uhr im Dom zu Münster. Besonders interessant
waren seine Ausführungen in Wort und Bild, da sie Auskunft über das alte,
heute nicht mehr in Funktion befindliche Uhrwerk gaben. Danach gab es ein
Kontrastprogramm, Dieter Schlagheck, seines Zeichens Physiker, berichtete
über das von ihm entwickelte und gebaute Astrolabium. Hier ist modernste
Technik aus dem Bereich der Fein(st)mechanik und Elektronik im Einsatz. Eine
Uhr, passend für eine Wohnzimmerwand, mit allen erdenklichen Indikationen
sowohl analog wie auch digital. Die Uhr und den aufschlussreichen Vortrag
hier auch nur annähernd zu beschreiben würde jeden Rahmen sprengen.
Vielleicht haben Sie ja einmal die Gelegenheit diese „Uhr“ zu sehen und den
Vortrag von Herrn Schlagheck zu hören.

Bild 24, Eine Astronomische von höchster Präzision
Rasch war
die Zeit vergangen, nach den Vorträgen gab es vor der Abreise noch einen
Imbiss und die Stunde der Verabschiedung begann. Mit etwas Wehmut im Herzen,
doch in der Vorfreude auf das nächste internationale Symposium 2011 in
England, in Oxford, endete die Tagung. Nebenbei sei noch angemerkt, dass
sich fünf der Teilnehmer und Teilnehmerinnen spontan zur Mitgliedschaft in
der DGC entschieden haben.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass dieses Symposium mit seinen
Besuchen von Kulturgütern, Sammlungen und praktischer Arbeit von den
Beteiligten als etwas ganz besonderes empfunden wurde. Bleibt dem Chronisten
nur noch seinen Dank auszusprechen an die Teilnehmer insgesamt, die
Verantwortlichen für die Arbeitskreise und ganz besonders an die, die in
mühevoller Arbeit Maschinen und Exponate mitgebracht haben. Eines der
Turmuhrenteile hatte allein ein Gewicht von 160 kg. Sicher ist, dass auch
dieses Internationale Symposium des F-K-Turmuhren weiter das Fachwissen
vertieft Freundschaften gestärkt und zu neuen Verbindungen geführt hat.
Bleibt noch
zu erwähnen, der F-K-Turmuhren hatte für Freitag und Samstag während des
Symposiums ein Filmteam engagiert. Die Aktivitäten sollten als Film
festgehalten werden um auch Außenstehenden einen Einblick in das „Leben“
dieser Gruppe zu ermöglichen. Der Inhalt sind Impressionen zu den
vorerwähnten Themen. Der Film ist als DVD beim Fachkreis Turmuhren
erhältlich. Der Kostenbeitrag für DVD, einschließlich Versand ist innerhalb
von Deutschland 8,00 Euro.
Ekkehard
Koch
Tagungsbericht 2009
Fachkreis Turmuhren
Internationales
Turmuhrensymposium,
23. bis 26. April 2009,
in 5916 Venlo, Niederlande
Mit 95
Teilnehmern aus sieben Ländern (Belgien, England, Italien, Niederlande,
Österreich, Schweiz und Deutschland) war es das 20. Treffen der Mitglieder
und Freunde im Fachkreis Turmuhren in der DGC. Schon kurz nach der
Terminverkündung zeichnete sich ab, dass auch dieses Treffen wieder einen
großen Zuspruch hat und es war auch bald ausgebucht. Die fachliche
Auseinandersetzung mit dem Themenkreis Turmuhren auf internationaler Ebene
führt dazu, dass neben interessanten Besichtigungen wertvolle Fachvorträge
angeboten werden. Dank der großartigen Unterstützung der niederländischen
Mitglieder im FKT und deren gute Kontakte zu Unternehmen und Museen auf
dem Gebiet der Turmuhren und Glocken war es eine ringsum gelungene
Veranstaltung. Sprachbarrieren gab es keine, wie sich schon bei der
Begrüßungsrede, in Niederländischer, Englischer und Deutscher Sprache
gehalten, zeigte. Rechtzeitig zu diesem Symposium war auch die
Fertigstellung des vom Fachkreis Turmuhren als Reprint herausgegebenen
Buches von Louis Alexander Seebaß "Praktische Anweisung zur Behandlung und
Reparatur der Turmuhren" gelungen. Dieses sehr seltene Buch konnte somit
vor Ort ausgeliefert werden. Frau Dr. Marisa Addomine hatte einige
Exemplare des von ihr und ihrem Gatten bearbeiteten und teilweise in die
Englische Sprache übersetzen Katalog "Orlogio da torre" vom Museo Arte
Tempo di Clusone mitgebracht. Mit Tagungsunterlagen und Büchern versehen
konnte das Symposium beginnen.
Der Anreisetag, wie immer ein Donnerstag, führte die Teilnehmer
zunächst im Hotel Van der Valk in Venlo zusammen. Dieses Haus bietet alle
Annehmlichkeiten für eine Veranstaltung in dieser Größenordnung. Zur
Einstimmung in die Tagung brachte ein Bus die Teilnehmer in das
Zentrum der Stadt, wo eine besondere Begrüßung erfolgte. Vom Turm der
großen Martinuskirche erklang ein Willkommenskonzert, gespielt auf dem
großen Carillon, von dem Venlose Stadsbeiaardier, Herrn Marcel Siebers. Es
war beeindruckend wie die deutsche Nationalhymne über den Dächern von
Venlo erklang und im versöhnlichen Verbund neben anderen Liedern das
ökumenische Kirchenlied "Te
Deum laudamus"
stand.

Bild 01, Oben im Turm,
am Spieltisch des Beiaardiers,
im Hintergrund
die Glockenzüge.
Nach
diesem Empfang, bei bestem Wetter, ging es zurück in das Hotel, wo bei einer
gemeinsamen Mahlzeit die ersten fachlichen Gespräche geführt wurden.
Der
Freitag stand im Zeichen von Firmen- und Museumsbesuchen. Zunächst
führte der Weg nach Helmond/Stiphout zur Firma Toine Daelmans. Toine hat ein
Unternehmen für Restaurierung und Reparatur alter Turmuhren. Eine besondere
Spezialität ist der Bereich Glocken. Historische Glocken mit Beschädigungen
und Rissen werden in einem speziellen Verfahren repariert (geschweißt). In
die weltweite Tätigkeit von Toine bekamen wir einen Einblick bei der
Betriebsbesichtigung. Mehr als 60 Turmuhrwerke, teils schon für die
Auslieferung restauriert, oder im Stadium der Restaurierung oder noch der
Warteposition konnten angesehen werden.
Einige
dieser schönen Werke hatten unsere niederländischen Turmuhrenfreunde eigens
hierhergebracht, um sie uns zu zeigen.

Bild 02, Betrachtung der
Reparaturstelle an einer historischen Glocke
Große historische Glocken säumten den Weg zu einem eigens errichteten Zelt, das mit
Kaffee, Kuchen und zu späterer Stunde mit einem Lunch aufwartete. Frau Ineke
Daelmans, unterstützt von den Frauen unserer niederländischen
Turmuhrfreunde, bewirtete die Besucherschar fröhlich und überaus
wohlschmeckend. Mit "handgemachten" Akkordeonmelodien warteten zwei Musiker
auf. Immer wieder wurde ein neues Turmuhrwerk entdeckt, begutachtet, über
die Art der Restaurierungsmethode diskutiert, bis die Zeit zum Abschied von
dieser hochinteressanten und gastfreundlichen Stätte kam.
Die
Busse brachten die in drei Gruppen eingeteilten Besucher an die Themenorte
ihrer Wahl.
In Asten
wartete das "National Beiaardmuseum“ in dem eine umfangreiche
Ausstellung über Glocken aus aller Welt und deren Herstellung zu sehen war.
Beeindruckend ist die großangelegte Rekonstruktion einer frühen
Glockengießerei. Turmuhrwerke, sind dort ebenso zu bestaunen wie eine
astronomische Uhr mit der Möglichkeit deren „Innenleben“ anzuschauen. Eine
große Arabische Wasseruhr (ein Nachbau entsprechend eines Originals aus dem
13. Jhd.) rundeten das Bild ab.
Bild 03, Detail des astronomischen Zifferblattes der Uhr von André-Lehr
Im Museum in
Asten, wird zurzeit von Henk Gipsman neben der André-Lehr-Uhr eine Replik
der Dondi-Uhr aufgestellt. Nach jahrelangem Studium ist diese jetzt
von ihm, mit gewissen Verbesserungen, fertig gestellt und dem Museum Asten
für fünf Jahre überlassen. Ein Beispiel der Realisierung von astronomischen
Gedanken nach Claudius Ptolemäus in die Jetztzeit aktualisiert: beachtlich
und bemerkenswert! Sie zeigt mit insgesamt 12 Tafeln/Zifferblättern die
Deferent- / Epizykel- / Äquant- Darstellung der sieben "Planeten". Wobei
besonders interessant die Berechnung und Formung der unregelmäßigen
Zahnräder für Merkur und natürlich für den Mond sind: je nach den
Unregelmäßigkeiten der Bewegungen der Länge in der Ekliptik ovalisiert,
apfel- und birnenförmig. Ein Leckerbissen für Freunde aus diesem
Wissensgebiet. Die dem Museum angegliederte naturkundliche Abteilung gab
Einblick in die Flora und Fauna der Niederlande.
Wer es
praxisnahe wollte, für den war eine Besichtigung der Firma Koninklijke
(Royal) Eijsbouts möglich. Das 1872 von Bonaventura Eijsbouts
gegründeten Unternehmen für die Herstellung von Turmuhren, Glocken und
Carillons ist noch heute im Familienbesitz und hat Kunden in aller Welt. Die
Glockengießerei zählt weltweit zu den bedeutendsten ihrer Art.
Bild 04, Turmuhrwerk der
"Neederlandsche Fabrik van Torenuurwerken B.Eijsbouts, Asten 1939"
Es wurden
hier auch die Glocken für das „Harmonices Mundi“ im Hause Festo in
Esslingen-Berkheim gegossen. Die Teilnahme an einem Glockenguss dürfte für
diese Gruppe ein absoluter Höhepunkt gewesen sein. Der Inhaber der Firma,
Herr Joost Eijsbouts, leitete den Rundgang durch seinen Betrieb und
beantwortete geduldig die viele Fragen der sehr interessierten Besucher.
Bild 05, Der
Inhaber, Joost Eijsbouts,
im Gespräch
mit einigen der Besucher
Im kleinen
Ort Rixtel wurde die dritte Gruppe von Herrn Fritsen erwartet. In der 17.
Generation leitet er dort die Glockengießerei Petit en Fritsen. Das
Unternehmen stammt offiziell aus dem Jahre 1660, womit die “Koninklijke
Klokkengieterij Petit & Fritsen” der älteste Familienbetrieb in den
Niederlanden ist. Der Firmenchef ließ es sich nicht nehmen, die Besucher
selbst durch seinen Betrieb zu führen. Ein holzbefeuerter Schmelzofen, wohl
der älteste und unter Denkmalschutz stehende Ofen, ist heute noch
betriebsfähig und wird für den Guss großer Glocken genutzt.
Bild 06, Der
Kern einer Glocke wird gemauert,
die
Schablone dient der Formgebung
Bild 07, Die
„falsche Glocke“ ist fertig,
sie
entspricht genau der späteren, gegossenen Glocke.
Herr Fritsen,
rechts im Bild, erklärt die technischen Details, die Verzierungen und die
Beschriftung.
Die
Vorbereitung und der Guss von fünf Glocken für ein Carillon konnte im
Gießereibereich der Nachbarhalle unmittelbar erlebt werden. Zur Zeit des
Besuches waren über 50 Glocken für den Guss in der Vorbereitung und alle
Stufen der Kunst des Glockengusses wurden offenbar. Absolute Stille, nur
unterbrochen von den Hammerschlägen herrschte, während Herr Fritsen eine
fertige und schon abgekühlte Glocke von ihren "Lehmmantel" befreite. An der
"Geburt" der fertigen Glocke teilzuhaben ist etwas Weihevolles.
Bild 07, Die
„Geburt“ einer Glocke, sie ist für ein Carillon
Das
"Stimmen" der fertigen und geputzten Glocken ist eine hohe Kunst und bedarf
der Erfahrung eines Jahrzehntes. Es ist nicht zu vergleichen mit der
elektronisch unterstützten Technik bei dem Stimmen eines Saiteninstrumentes.
Nicht Elektronik, sondern das menschliche Gehör ist hier das Maß aller
Dinge.
Bild 8, Alle
Glocken werden, wie hier bei Eijsbouts, von Hand nach dem menschlichen Gehör
gestimmt. die Ausbildung dauert mindestens 10 Jahre, wie uns hier glaubhaft
versichert wurde.
Nach diesen
eindrucksvollen Stunden kehrten alle nach Venlo zurück um die Abendstunden
mit nachhaltigen Fachgesprächen über die Erlebnisse des Tages ausklingen zu
lassen.
Der
Samstag war wieder ein Reisetag, der
in Richtung Belgien
zunächst nach Thorn, dem "Weißen Städtchen" der Niederlande führte. In
diesem geschichtsträchtigen Städtchen vermittelten engagierte Stadtführer in
kurzweiliger Art einiges über Land und Leute. In der Kirche des
kleinen Ortes ist eine sehr alte Turmuhr ausgestellt ist, die unser Mitglied
im FKT, Herr Walther Brouns, vor einigen Jahren entdeckt und wieder
aufgebaut hat. Dank seines hohen fachlichen Wissens blieb kaum eine Frage
unbeantwortet. Bei der einsetzenden Diskussion zu dem Turmuhrwerk zeigte
sich aber auch, dass eine nur oberflächliche Betrachtung eines Gegenstandes
die Möglichkeit für viele falsche Schlüsse erlaubt. Nach der in
Thorn verbrachten Mittagspause ging die Fahrt weiter nach Belgien. In
Sint-Truiden, einer Stadt, deren Ursprung auf das Jahr 700 zurück geht und
heute UNESCO Welterbe ist gab es weitere Sehenswürdigkeiten. Die ehemalige
Benediktinerabtei Sint Trudo, der historische Marktplatz mit Rathaus und
Tuchhalle, der Beginenhof, die spätgotische Liebfrauenkirche sowie eine
Reihe weiterer Kirchenbauten. Im Beginenhof besichtigten wir die größte Uhr
der Welt, die astronomische Uhr des belgischen Uhrmachers Kamiel Festraets.
Die aus 20000 (zwanzigtausend) Einzelteilen bestehende Uhr hat 200
Zifferblätter, das Pendel wiegt 150 kg und die Höhe beträgt 6,2 m.
Festraets war von seiner
Arbeit an dieser Uhr, mit der er 1937 begann, wie besessen. Als er im Jahr
1074 verstarb war die Uhr noch nicht fertig gestellt. Das Werk ist zwar voll
funktionsfähig und auch in Betrieb, aber einige Baustufen die noch nicht
genutzt werden, geben weitere Rätsel auf. Festraets baute die Uhr rein nach
seinen Plänen im Kopf, es gibt keinerlei Aufzeichnungen.
In
der Kirche des Beginenhofes konnten noch zwei weitere geschmiedete Turmuhren
besichtigt werden. Eines ebenerdig und gut von allen Seiten gut zugänglich
und nicht in Funktion, das zweite hoch oben in der Kirche unter dem
Kirchendach und nur über einen schmalen Steg erreichbar. Hier blieb nur die
Betrachtung von unten. Dieses Werk wurde von unserem Mitglied im FKT, dem
Turmuhrmacher Rudi Degeest restauriert und ist heute noch in Funktion.
Der
Tag klang aus
im
„t’Veilinghuis“
in Sint-Truiden,
mit einem
gemeinsa-men Abendessen. Bei dieser Gelegenheit
erfolgte die Ehrung eines Mitgliedes im Fachkreis Turmuhren in der
DGC.
In Würdigung seiner langjährigen Verdienste als Autor
von Fachaufsätzen zum Themenkreis Turmuhren für die Jahresschriften
der DGC erhielt Herr Peter Faßbender die Ehrenurkunde des FKT.
Am Sonntag,
es war schon der letzte Tagungstag, war es Zeit für die Fachvorträge.
Pünktlich um
9:00 Uhr
trafen sich die Teilnehmer des Symposiums im großen Tagungssaal des Hotels.
Für die Vorträge konnten wir unsere niederländischen Freunde gewinnen.
Herr Walther Brouns, Mitglied der S-O-T (Studiegroep Openbare
Tijdaanduiding) eröffnete den Reigen mit dem Thema "Dokumentation von Turmuhren, aus
praktischer Sicht".
Hier wurde deutlich, dass es eines wirklich fundierten Wissens bedarf, wenn
zur Herkunft oder dem Alter eines Turmuhrwerkes eine verbindliche Aussage
getroffen werden soll. Walter Brouns beschäftigt sich seit vielen Jahren mit
frühen, geschmiedeten Turmuhren und machte in seinen Ausführungen klar, dass
es sich bei einer Turmuhr mit "über Eck gestellten Füßen" nicht unbedingt um
eine Uhr aus gotischer Zeit mit entsprechendem Alter handeln muss.
Nach
dieser Betrachtung sprach
Herr Melgert Spaander,
Restaurator für historische Uhren, ebenfalls Mitglied der S-O-T über die
"Wichtigkeit der Dokumentation von Uhren" und demonstrierte eine
logisch aufgebaute und sinnvolle
Vorgehensweise. In diesem Vortrag wurde wieder deutlich, dass nur über den
Weg der Systematik später greifbare Daten gesammelt werden können. Erst eine
Vielzahl von Daten erlaubt es dann vorsichtig
Rückschlüsse zu ziehen und
Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Allzu oft wird auf
unzureichender Datenlage aufgebaut und einem Objekt etwas attestiert, was
bei genauer Betrachtung als zweifelhaft erscheint. Oder gar gänzlich an der
Realität vorbei führt.
Im Zusammenhang mit dieser
tabellarischen Datenerfassung stellte Herr Franz Leuring
ein sehr
beeindruckendes, auf fotografischer Basis aufgebautes
Dokumentationssystem vor. Diese Art der Datenerfassung erlaubt, nach
heutigem Stand der Technik, die wohl umfassendste Möglichkeit einer
Dokumentation in Wort und Bild.
Wie
schwierig es ist, eine Uhr geschichtlich und bezogen auf ihr Alter
einzustufen wurde deutlich bei dem nächsten Vortrag.
Herr Tini C. van Oort, Mitglied der S-O-T, berichtete
über die „Alte Turmuhr in Waalre“. Nach den vorgestellten Recherchen
und zitierten Unterlagen in Wort und Bild könnte diese Uhr aus dem Jahr 1424
sein. Die den Ausführungen folgende und sehr sachlich geführte
Diskussion von Fachleuten mit profunden Kenntnissen zeigte die Notwendigkeit
auf, zu diesem Uhrwerk weiter zu forschen und sichernde Belege zu erbringen.
Für
die in Deutscher Sprache gehaltenen Vorträge standen jeweils Übersetzungen
in Englischer Sprache zur Verfügung, damit war sichergestellt, dass es zu
keinen Sprachbarrieren kam. Einfließende Niederländische Fachausdrücke
wurden während der Vorträge übersetzt.
Nach
den Fachvorträgen wurde zum Lunch geladen. In froher Runde wurde nochmals
das Erlebte reflektiert und danach die Heimreise angetreten.
Das nächste Treffen des F-K-T ist vom 22. bis 25. April 2010 in
der Akademie des Handwerks im Schloss Raesfeld. Für das Treffen im Jahr 2011
haben ebenfalls die Vorbereitungen begonnen. Vom 13. bis 17. April ist der
F-K-T dann in Großbritannien, in Oxford und Umgebung.
Es
wurde der Vorschlag unterbreitet, im Fachkreis Turmuhren zwei Arbeitsgruppen
zu bilden. Eine Gruppe, in der zum Bereich astronomischer Uhren gearbeitet
wird. Eine weitere Gruppe, die sich mit den verschiedensten Hemmungssystemen
bei Turmuhren beschäftigt und dabei die unterschiedlichen Pendelaufhängungen
und Systeme der Freischwinger und Remontoire (Spezialhemmungen mit
konstanter Kraftübertragung) berücksichtigt.
Anmeldungen zu den angebotenen Treffen 2010 und 2011 so wie zu den
Arbeitsgruppen können an den Fachkreis Turmuhren gerichtet werden.
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Tagungsbericht 2008
Fachkreis Turmuhren,
Internationales
Turmuhrensymposium,
17. bis 20. April 2008
in D 70372 Stuttgart - Bad Cannstatt
Mit 121 Teilnehmern aus sieben Ländern
war es das bis jetzt größte Treffen der Mitglieder im Fachkreis Turmuhren.
Anreisetag war der Donnerstag, doch mancher Teilnehmer kam schon am
Mittwoch. Es war ein buntes Gemisch von Nationalitätsflaggen auf den
Namensschildchen. Belgien, England, Italien, Niederlande,
Österreich, Schweiz und Deutschland. Verschiedene
Sprachen und Idiome füllten den Empfangsbereich des Hotel Mercure in
Stuttgart-Bad Cannstatt. Das war unser Tagungszentrum für vier Tage und
wir hätten keine bessere Wahl treffen können.
Der Donnerstag war schon mit einem
besonderen Programmpunkt ausgezeichnet, einem Besuch im
Turmuhrenmagazin von unserem Mitglied, Herrn Hans-Peter Kuban.
%20Kuban.jpg)
Der Hochbunker, das Gebäude,
in dem das Turmuhrenmagazin
untergebracht ist.
www.turmuhrenarchiv.de
Ist schon das Ambiente, ein Hochbunker
aus dem zweiten Weltkrieg, eine Sehenswürdigkeit, so sind es die dort
ausgestellten Uhren, Werkstatteinrichtungen und Werkzeuge erst recht.
%20Kuban.jpg)
Die geschmiedete Turmuhr aus der St.
Veitskapelle
in Stuttgart Mühlhausen, von ca.
1783, auf den original Eichengerüst.
Über der Uhr angeordnet eine Übersicht
der verschiedensten Gewichte für Turmuhren.
Faszinierend ist es, von Herrn Kuban die
Uhren gezeigt zu bekommen und dazu ihre Geschichte zu erfahren. Die
plastischen Erklärungen sind so einprägsam, dass der Betrachter glaubt, er
sei bei der „Bergung“ des Uhrwerks oder der Maschine und deren späteren
Restaurierung selbst dabei gewesen. Dieses ist nicht zuletzt darauf
zurückzuführen, dass Herr Kuban manchen der Vorbesitzer noch persönlich
kannte und so zu ihrem Vermächtnis kam. Das Museum ist nicht ständig
geöffnet, aber es lohnt sich einen Besuchstermin mit Herrn Kuban zu
vereinbaren und die ausgestellten Schätze zu besichtigen. Es empfiehlt
sich allerdings warme Kleidung mitzunehmen, die Außenwände aus Beton haben
die stattliche Dicke von 1,2 m und lassen so leicht keine Sonnenwärme in
das Innere der Räumlichkeiten eindringen.
Froh gelaunt traf sich dann die Gruppe am
Abend im Restaurant des Hotels zum gemeinsamen Abendessen. Die
erstklassigen Speisen und gute Getränke stärkten den Leib und beflügelten
die Sinne. Gesehenes wurde diskutiert und mit freundschaftlichen
Gesprächen verging die Zeit. Manche Bettruhe war etwas kurz.

Das Alte Rathaus in Esslingen
mit seiner astronomischen Uhr
www.esslingen.de/servlet/PB/menu/1175792_l1/index.html
Rasch war es Freitag, der mit drei
Besichtigungen gut gefüllt war. Per Bus reisten wir zunächst nach
Esslingen. Vor dem Alten Rathaus erwartete uns schon Herr Peter
Köhle, der Vorsitzende des Vereins zur Erhaltung der historischen
Uhr am Alten Rathaus e.V. Mit von der Partie waren seine Gattin und
zwei weitere Mitglieder des Vereins. Die historische Uhr erstreckt sich in
ihren Funktionen über mehrere Etagen in diesem wunderbaren Gebäude. So war
es gut, dass sich die ehrenamtlichen Helfer extra Zeit für uns genommen
hatten, um die Führung zu den einzelnen Stationen zu übernehmen. Herr
Köhle erklärte zunächst die Geschichte des Bauwerks „Altes Rathaus“ und
dann den wechselhaften Verlaufs des Geschehens um die Uhr seit 1581 bis
heute. Der Auftrag zum Bau dieser Uhr erging 1581 an den Esslinger
Uhrmacher Marx Schwarz. Die Fertigstellung hat er nicht erleben dürfen.
Der Uhrmacher Jakob Diem aus Tübingen vollendete das Werk im Jahr 1586 und
erweiterte das Uhrwerk um ein astronomisches Räderwerk und einer Mechanik
für Automatenfiguren. Bis 1926 versah die Uhr den Dienst der öffentlichen
Zeitanzeige. Seit diesem Jahr übernahm eine Turmuhr von Hörz ihre Aufgabe.
In modifiziertem Zustand bezüglich der Ganggenauigkeit, diese Uhr
arbeitete bis 2007. Das alte Uhrwerk von 1586 galt seit der
Generalsanierung des Rathauses im Jahr 1998 als verschollen. In den Köpfen
von Uhrenfreunden war es aber noch vorhanden und diese machten sich auf
die Suche, nicht ohne Erfolg! In einem Kellerraum des Liegenschaftsamtes
wurde die „Suchmannschaft“ im Juli 2003 fündig. Um die Uhr vor dem
Untergang zu bewahren gründeten die Uhrenfreunde im Januar 2004 den
„Verein zur Erhaltung der historischen Uhr am Alten Rathaus e.V.“. Peter
Köhle übernahm den Vorsitz und machte sich mit seinen Freunden auf die
Suche nach weiteren Enthusiasten und Gönnern für dieses Projekt. Es wurde
der stattliche Betrag von 110.000 € gesammelt und das Projekt konnte
gestartet werden. Mit von der Partie war neben vielen ehrenamtlichen
Helfern Herr Prof. Dr.-Ing. Scheurenbrand. Herr Köhle übernahm das
Management, Prof. Scheurenbrand oblag die technische Unterstützung und
Berechnung des kompletten Uhrwerks. Von Seiten der Stadtverwaltung
hielt sich die Begeisterung in Grenzen, entweder hatte man die Bedeutung
und Einmaligkeit dieses Gesamtwerkes nicht erkannt, oder scheute spätere
Instandhaltungskosten. Es gab allerdings von Seiten der Stadt die
verbindliche Auflage, dass die Uhr eine Ganggenauigkeit haben müsse, von
30 Sekunden innerhalb von 24 Stunden. Diese Grundbedingung machte es
erforderlich, sich modernster Hilfsmittel zu bedienen und für den
Betrachter unsichtbar, sowie jederzeit reversibel, eine besondere
Gangregulierung einzubauen.

Das astronomische Getriebe
Der Auftrag für die Restaurierung der Uhr
wurde an Turmuhrenbau Meißen, Dipl. Ing. Klaus Ferner erteilt. Herr Ferner
ist anerkannter Restaurator für Turmuhren und vielen Turmuhrfreunden durch
seine Restaurierungsarbeiten, z. B. der Luterer Uhr von 1547 in Freiburg
bekannt. Auch hier in Esslingen hat er mit seinen Mitarbeitern wieder
hervorragendes geleistet und die Uhr sanft restauriert.

Teilansicht des Uhrwerks mit der
Schlossscheibe
Erwähnenswert an dieser Stelle ist, dass
das Uhrwerk wieder durch Sandsteingewichte betrieben wird. Da im Laufe der
vielen Umbauarbeiten im Inneren des Rathauses keine ausreichende Fallhöhe
für die Gewichte ist, werden diese nunmehr elektrisch aufgezogen, können
aber jederzeit auch über die früher übliche Handkurbel bewegt werden.

Das Uhrwerk nach der Restaurierung
Die räumlichen Gegebenheiten im Umfeld
der Uhr sind wirklich als großzügig anzusehen und so war es möglich die
ganze Uhrenanlage mit dem Lauf der Tagesregenten und dem flügelschlagenden
Adler wirklich aus nächster Nähe anzuschauen.

Besuch bei den Tagesregenten
Ein beeindruckendes Erlebnis, das
an diesem Tag unter dem Einfluss der trotz windigem Wetters leicht
bekleideten Venus stand. Über diese Uhr ist 2003 eine kleine Broschüre
erschienen "Die Uhr am Alten Rathaus in Esslingen" ISBN 3-87437-471-8.
Doch die Stunden schritten voran, in
naher Entfernung erwartete uns in Esslingen-Berkheim, im
Technologie-Center des Hauses Festo, eine astronomische Uhr der ganz
besonderen Art. Eine Uhr, die Teil eines wohl weltweit einzigartigen
Kunstwerkes ist. Der Name:“ Harmonices Mundi“.
www.festo.com/INetDomino/coorp_sites/de/175acdadda155f0cc1256f5d00384bca.htm
Hier sind vereint eine Weltzeituhr, eine
astronomische Uhr und ein Glockenspiel. Diese Zusammenfügung von Elementen
aus Mechanik, Astronomie, Melodik und Elektronik ist so beeindruckend,
dass der Betrachter in ehrfürchtiges Schweigen verfällt. Geführt von
Mitarbeitern des Unternehmens hatten wir Gelegenheit Einblick zu nehmen in
die Produktionsvielfalt von Festo, in ein Labor für Forschung und
Entwicklung und das Harmonices Mundi.

Professor Dr.-Ing. Scheurenbrand
begrüßt unsere Gruppe
Herr
Professor Dr.-Ing. Scheurenbrand, der geistige Vater dieses
Gesamtkunstwerkes, lies es sich nicht nehmen, die Konstruktion und
Funktion von Weltzeituhr und Astrolabium selbst zu erklären.

Das Planetengetriebe für Merkur und Venus ist frei
sichtbar vor dem Planisphärium montiert. Auf dem Skalensegment lässt sich
an der goldenen Pfeilspitze die Zeitgleichung ablesen. Bild
(c) Festo

Die Weltzeituhr mit ewigem Kalender,
Bild (c) Festo
Mit viel Geduld beantwortete er Fragen
zur Konstruktion sowie der Fertigung und Berechnung der Getriebe, die
übrigens alle von ihm bis auf sieben Stellen nach dem Komma von Hand
und ohne Computer erfolgten. Da bleibt einem wirklich sprichwörtlich
gesagt „die Spucke weg“. Ein schöner Ausklang dieses beeindruckenden
Erlebnisses war das Glockenspiel dieser Trilogie.

Begrüßung im Hause Festo
Durch einen kleinen Imbiss wohl gestärkt
und mit vielen Unterlagen und Broschüren über das Harmonices Mundi
bestückt verließen wir mit etwas Wehmut diese gastliche Stätte. Es darf in
diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass diese Uhr der
Öffentlichkeit nicht zugängig ist, uns der Zugang trotzdem erlaubt wurde,
und dieses, während der Arbeitszeit. An dieser Stelle nochmals unser
Dankeschön an alle Beteiligten! Noch eine kurze Anmerkung zu dem Namen
„Harmonices Mundi“, Johannes Keppler hat im Jahre 1619 ein Buch mit diesem
Namen verfasst und erläutert darin die Gesetzmäßigkeiten unseres
Planetensystems.
Weiter ging die Fahrt. Nächstes Ziel war
das Barockschloss in Ludwigsburg. Ist das ehemalige Residenzschloss der
Herzöge und Könige von Württemberg an sich schon etwas Besonderes, so
wurde das für uns Freunde der Turmuhr noch um ein vielfaches übertroffen.
Durch unseren Freund, Hans-Peter Kuban, und seine persönlichen Beziehungen
zu dem Leiter der Schlossverwaltung, Herrn Krüger, fanden wir Zugang zu
einer Turmuhr. Ein Uhrwerk, wie es in seiner Gewichtigkeit noch keines der
Mitglieder unserer Gruppe je zuvor gesehen hatte. Oben im Schloss, über
weitausladende Treppen, gelangten wir hinter der Schlossfassade an den
Aufstellort dieser Uhr.

Aus dem Schriftverkehr über den
Transport
des Uhrwerkes von Zwiefalten nach
Ludwigsburg
Gebaut wurde das Werk von dem Uhrmacher
Schnegans aus
Biberach für den Münsterturm des
Klosters Zwiefalten und war dort bis 1809 beheimatet. Bei der
Säkularisation im Jahre 1803 wurde das Kloster aufgelöst und der König von
Württemberg verfügte, dass die Uhr dort abgebaut und nach Ludwigsburg
gebracht werden solle. Über diesen Vorgang gibt es einen regen
Schriftverkehr zwischen der Cameral-Verwaltung in Zwiefalten und der
Königlichen Oberfinanzkammer in Stuttgart. Aus diesen Unterlagen gehen
auch einige technische Daten der Uhr hervor:
„Diese Uhr ist in 4 Ebenen gemacht, sie
ist lang 8 Schuh, 7 Zoll; breit, samt dem Aufzug 8 Schuh; samt dem Ührle
(gemeint ist das Kontrollzifferblatt) hoch 7 Schuh, 7 Zoll; die Uhr muss
alle 24 Stund aufgezogen werden; die Gewicht sind schwer, das Gehwerk 200
Pfund; das Viertelwerk 300 Pfund; das zweite Schlagwerk 160 Pfund. Die
ganze Uhr ist ungefähr 30 Zentner schwer.“ Die genannten Längenmaße
und Gewichte entsprechen heute ca. 31,6 cm für einen Fuß, 2,6 cm für einen
Zoll und 500 Gramm für ein Pfund. Demnach sind die äußeren Abmessungen;
Länge: 2,71 m; Breite: 2,53 m; Höhe: 2,4 m.

Das Kontrollzifferblatt
Die Uhr ist jetzt außer Dienst gestellt,
aber vollständig erhalten. Nach dem Besuch dieser prächtigen Uhr aus der
Zeit des Barock, (ob darauf ihre Fülle zu beziehen ist?) folgte eine
Schlossführung durch einige der wichtigsten Räume, die weitgehend noch
ursprünglich erhalten sind. Nahm die verkürzte Führung schon über eine
Stunde in Anspruch, wie lange hätte sie gedauert bei einer Besichtigung
aller 440 Räumlichkeiten des Schlosses? Wir zogen es vor, uns in die
Tiefen des Schlosses zu begeben. Dort wartete ein riesiges Weinfass auf
uns, ist es bis oben gefüllt, dann lagern 90.000 Liter darin. In den
Jahren 1719 bis 1721 gefertigt spendet es bis heute besten Württemberger
Wein aus ein und demselben Hahn, wahlweise ein „Viertele Roten oder
Weißen“. So, gestärkt und mit feuchter Kehle machten wir uns auf den
Weg zurück nach Stuttgart.
Es war ein langer Tag und ein weiterer
Programmpunkt wartete, das festliche Abendessen. In fröhlicher Runde,
eingeleitet von einem Sektempfang, klang der Abend aus. Zu unseren Gästen
zählte Herr Prof. Dr. Scheurenbrand mit Gattin, Herr und Frau Köhle und
unsere liebe Freundin, Frau Sofia Schmid. Natürlich bietet ein solcher
Abend Gelegenheit für besondere Anlässe, Herr Wolfgang Huf, bekannt
für seine Kreation „Turmuhrenwein“ wurde für seine Verdienste um den
Fachkreis mit einer Ehrenuhrkunde ausgezeichnet. Herr Huf spendet von dem
Erlös aus dem Weinverkauf seit Jahren 1,50 Euro pro Flasche an den
Fachkreis Turmuhren. Dieses Mäzenatentum bedarf einer besonderen
Erwähnung. Die Zeit verging wie im Fluge und die große Runde löste sich
nur zögerlich auf, gab es doch so vieles zu erzählen. Zur Auflockerung
wurden, wie in den vergangenen Jahren, von Frau Lüttke-Budrus
Gedichte und Gedanken zur Zeit und Uhr vorgetragen. Sie, eine engagierte
Freundin von Turmuhren, unterhielt uns in launiger Weise mit vielen Versen
über das Pendel.
Irgendwie graute plötzlich der Morgen und
es war Samstag, der Tag für Fachvorträge. Rasch füllte sich der
Vortragssaal, wo unser Mitglied, Lothar Bornschein ein kleines, von
ihm selbstgebautes Gehwerk mit Scherengang aufgebaut hatte. Dieses Werk
ist entstanden auf Grund einer „Initialzündung“ beim Besuch 2006 im
Uhrenmuseum der Familie Berger, in Bad Grund. Wahrlich eine nicht
einfache, aber gelungene Arbeit die schon beispielgebend für mehrere
Uhrenfreund wurde.
Dann kam der erste Fachvortrag.
Geoffrey Sykes, aus England, nahm uns in seinem Vortrag mit auf „Eine
Turmuhrtour durch England“.

Henry Hindley of York, 1760

Die nach einem Brandschaden wieder
hergestellte Turmuhr
von ca.1820 in Wythenshaw Hall,
Manchester.
Sehr plastisch und unterstützt durch
viele gute Aufnahmen von Turmuhren und ihrer Umgebung war es eine schöne
Einführung in die für uns noch weitgehend unbekannte Turmuhrenwelt in
England.
Danach folgte ein Vortrag über die
Restaurierung der am Tag zuvor besichtigten astronomischen Uhr im Alten
Rathaus in Esslingen. Klaus Ferner berichtete sehr anschaulich über
seine Arbeit an dem Uhrwerk und zeigte dazu die entsprechenden Bilder.
Fertige Uhren kennen wir, das sie früher
aus Eisen geschmiedet wurden wissen wir auch, aber woher kam das Eisen?
Angeregt von dem Besuch einer Veranstaltung, auf der die Eisengewinnung
mit dem Rennofen praktiziert wurde, folgte nun ein Vortrag mit dem Inhalt
„Vom Raseneisenerz zum Schmiedeeisen“. Ekkehard Koch berichtete in
Wort und Bild über frühgeschichtliche Eisengewinnung. Es wurde anschaulich
dargestellt, mit welchem Aufwand an Brennmaterial, Eisenerz und Zeit, die
Herstellung von schmiedbarem Eisen verbunden war.

Eisengewinnung im Rennofen, die
Schlacke rinnt (rennt).
Ca. 100 kg Brennmaterial wie Holzkohle
oder Torf, 50 kg Raseneisenerz und die Arbeitszeit von ca. 20 Stunden waren
erforderlich um etwa 6 kg Eisen zu gewinnen. Da wird deutlich, wie kostbar
damals das Eisen war.
Im nächsten Vortrag, gehalten von Frau
Dr.-Ing. Marisa Addomine, vom Registro Italiano Orologi da Torre in
IItalien, wurde deutlich, wie früher in Italien die Zeit optisch auf
verschiedensten Zifferblättern angezeigt wurde.

Etwas verwirrend
dieses Zifferblatt? Nein, wenn man weis wie gezählt wird ist es ganz
einfach, 6 Stunden am Vormittag, 6 Stunden am Nachmittag, 6 Stunden bis
Mitternacht und 6 Stunden bis zum Morgen, 6+6+6+6 = 24 Stunden.
War das schon ein besonderes Erlebnis, so
folgte nun die absolute Steigerung. Die akustische Zeitanzeige mittels
Glockenschlägen war so verschieden, dass es für uns heute unbegreiflich
ist, wie überhaupt jemand aus diesen „Zeitzeichen“ heraushören konnte, wie
spät es war. Es an dieser Stelle zu erklären würde jeden Rahmen sprengen
und es erhebt sich die Frage, ob der Leser es überhaupt verstehen könnte.
Der temperamentvoll dargebrachte Vortrag mit seinen aufschlussreichen
Bildern war ein besonderes Erlebnis und macht Lust auf mehr.
Nach einer verdienten Pause machten wir
uns dann auf den Weg zur Straßenbahn und fuhren in die Innenstadt zum
Landesmuseum Württemberg. Ist das Gebäude, das Alte Schloss, schon etwas
besonderes, dann erst recht sein Inhalt. Wir mussten uns selbst
beschränken und haben nur vier Bereiche besichtigt,
a) die Glassammlung, im Museum ist eine
der bedeutendsten Glassammlungen der Welt ausgestellt. Wahre Kostbarkeiten
von der Antike bis in das 19. Jh. sind hier beheimatet. Sehr sachkundig
und kompetent von Frau Herb geführt, kam jeder der „Gruppe Glas“
voll auf seine Kosten.
b) Die nicht der Allgemeinheit
zugängliche Turmuhr mit dem Figurenspiel der boxenden Geißböcke zeigte uns
Herr Wener, eigentlich, so wie er sagte, der Turmuhrenfachmann sei
er nicht, aber dem Fachkreis Turmuhren könne er es nicht verwehren einen
Blick in den Turm und auf die Uhr zu werden. Es ist ein modernes Werk von
Hörz das hier seinen Dienst tut und zur vollen Stunde die Geißböcke
gegeneinander rennen läst.
c) Tischuhr auf der schiefen Ebene. Sind
Uhren schon äußerlich schön anzuschauen, so war der Einblick in das Innere
dieses Werkes etwas Außerordentliches. Die Uhr ist aus dem 17./19. Jh. Die
große Zeitspanne bei der Angabe der Jahreszahl wird dann erklärbar, wenn
man den Vortrag von Herrn Moritz Paysan über diese Uhr gehört hat.
Herr Paysan ist diplomierter Restaurator und hat das Innenleben der Uhr
studiert. Da kam zu Tage, dass die Uhr wohl ursprünglich aus dem 17. Jh.
ist, aber bis in das 19. Jh. manche Veränderung erfahren hat, was ihren
Wert allerdings nicht schmälert. An Hand von Bildern aus der
Restauratorenwerkstatt und einer graphischen Animation war es möglich den
Aufbau und die Funktion der Uhr zu sehen und auch zu verstehen. Diese
ungewöhnliche Tischuhr rollt auf einer schiefen Ebene ab und als
„treibende Kraft“ dient ein außermittig gelagertes Bleigewicht. Als
Gangregler dient eine Spindelhemmung mit Radunrast. Später, im
Gewölbekeller, begegneten wir der Uhr im Original.
d) Der eben erwähnte Gewölbekeller ist
ein an Schönheit kaum zu übertreffender Ausstellungsraum. Unter gotischen
Gewölben, im Dämmerlicht, erstrahlen in schönen Glasvitrinen, die von
allen vier Seiten zugängig sind, Prunkuhren aus der Renaissance. Die
gekonnte Präsentation, die Ausleuchtung und sehr gute Beschreibung lassen
keine Wünsche offen. Es ist kein Wunder, wenn in diesem Raum andächtige
Stille herrscht und eine gelegentliche Unterhaltung nur mit gedämpfter
Stimme erfolgt. Das Wort „Prunkuhren“ hat hier wirklich seine
Berechtigung. Wie kann das alles noch gesteigert werden? Durch einen
Menschen, der mit jeder dieser prunkvollen Uhren auf Du und Du ist. Jemand
der die Uhren in vielen Jahren ebenso fachkundig wie liebevoll restauriert
hat. Herr Alfred Leiter, begnadeter Uhrmacher und in der Fachwelt
über die Grenzen des Landes bekannt für seine wunderbaren Arbeiten und
Restaurierungen. Heute, über 80 Jahre jung, zeigte er uns in Begleitung
seiner Gattin die besonderen Uhren, erklärte ihre Werke und berichtete
über seine Arbeiten. Die Automaten, z.B. der Pfau, schienen bei seinen
Worten wirklich die Flügel zu heben und der Bär auf seiner Trommel einen
Wirbel zu schlagen. Fürwahr, es waren Glücksmomente!
Die Trennung fiel uns schwer von diesem
ebenso gastlichen wie informativen Ort. Bleibt an dieser Stelle nochmals
Dank zu sagen an alle an den Führungen beteiligten, besonders aber an
Herrn Markus Wener, der als Direktionsassistent alles so trefflich
organisierte und mit seinen Kolleginnen und Kollegen einen nicht
unerheblichen Teil seiner Freizeit in unsere Betreuung investierte.
Der Rest des Tages stand zu freier
Verfügung und davon wurde reichlich Gebrauch gemacht.
Es nahte der Sonntag und nach dem
Frühstück füllte sich der Vortragssaal. Thomas Muff, Schweiz,
machte sich bereit, sein Thema war „Eine geschmiedete Turmuhr von 1672,
signiert mit FB 1672 Z“. Dieses schöne Uhrwerk, natürlich geschmiedet,
vorgestellt mit vielen Bildern und erklärenden Texten ist sehr
beeindruckend.

Das Werk mit Blick auf die Schlossscheibe.

Detail der Bekrönung.

Das Werk während der Restaurierung.
Die Konservierung / Restaurierung dieser Turmuhr auch dem
Schloss Hauptwil, Kanton Thurgau in der Schweiz konnte an Hand des
Berichtes gut nachvollzogen werden. Es wurde deutlich, dass Zeitzeugen
dieser Art spätestens in dem Moment „Aus der Mode“ kommen, wenn sich
keiner mehr findet, der sich um das Aufwinden der Gewichte und die Pflege
des Uhrwerks kümmert. Die Uhren verschwinden dann von den Türmen und
werden durch elektronisch gesteuerte Zeigertreibwerke ersetzt. In diesem
Fall konnte durch glückliche Fügungen ein Restaurierungskonzept erarbeitet
werden, das den Fortbestand des Uhrwerkes auf dem Turm sichert. Ein
elektrischer Aufzug übernimmt nun das Aufwinden der Gewichte. Diese
Technik ist so eingebaut, dass jederzeit ein spurenloser Rückbau in den
Originalzustand möglich ist.
Dr. P.T.R. Mestrom,
aus den Niederlanden, berichtete sehr anschaulich über “Uhren und
Uhrmacher aus der Provinz Limburg” „Limburgse klokken en klokkenmakers“

Dieses Buch, in niederländischer
Sprache geschrieben,
bildete die Basis für den Vortrag von
Herrn Dr. Mestrom.
Limburg ist die südlichste der zwölf Provinzen der Niederlande; ihre
Hauptstadt ist Maastricht. Es waren Bilder von Uhren und deren Umgebung zu
sehen, die uns nicht bekannt waren. Die Zeit von 1367 bis 1850 wurde
beleuchtet und der Bogen wurde gespannt von der Entwicklung der „wijzerplaat“
(Zifferblätter) an „Limburgse uurwerken“ bis zur riesigen Spieltrommel
einer Turmuhr aus dem 17. Jh. Dieser Vortrag machte Lust darauf in die
Niederlande zu reisen um an Ort und Stelle den Uhren zu begegnen. Wer das
Buch erwerben möchte, ISBN 90 9010857 2.
Herr Kuban
fasste in einem kurzen Bericht nochmals Daten und Fakten zu der in
Ludwigsburg besichtigten Turmuhr zusammen und gab der Hoffnung Ausdruck,
dass die weitere Erforschung der Archivalien noch mehr wissenswertes über
dieses Uhrwerk zu Tage fördert.
Nach Abschluss der Vortragsreihen wurde
über die Situation des Fachkreises Turmuhren berichtet. Die finanzielle
Situation ist gut, dank einer großzügigen Spende von 1.000 Euro ist der
verfügbare Geldbestand so, dass neuen Projekten bezüglich der Finanzierung
nichts im Wege steht. Auf Beschluss der Mitglieder ist wieder ein Kalender
des FKT für das Jahr 2009 geplant. Außerdem wird die Visualisierung der
Funktion einer Turmuhr durchgeführt. Dieses Projekt zu realisieren
benötigt allerdings Zeit und ist auf zwei Jahre verteilt. Als erklärendes
Beispiel diente eine bereits vom FKT ausgeführte Visualisierung eines
Zeigerwerkes. In dieser Animation lassen sich Einzelteile und Funktion
eines Zeigerwerkes anschaulich sichtbar machen und erklären.
Weiter stand auf dem Tagungsplan die
Beantwortung der Frage, wo die nächsten Symposien des FKT sein sollen. Es
wurde große Übereinstimmung bezüglich der Ziele erreicht, 2009
Niederlande, 2010 Raum Hamburg und 2011 England. Mit dieser räumlichen und
zeitlichen Verteilung soll sichergestellt sein, dass jedes der Mitglieder
im FKT die Möglichkeit hat an den Treffen teilzunehmen. Die Planung der
Veranstaltungen erfolgt, wie gewohnt, in enger Zusammenarbeit mit den
Mitgliedern vor Ort.
Der Sachstand bezüglich der Arbeit an der
von Mitgliedern des FKT geschmiedeten Uhr ist so, dass im Laufe des Jahres
nach historischen Vorbildern Vorrichtungen für die Verzahnung der Räder
gefertigt werden. Nach deren Fertigstellung erfolgen die Einladungen an
das „Schmiedeteam des FKT“ zum weiteren Arbeitseinsatz.
Abschließend wurde Ekkehard Koch in
seinem Amt als Vorsitzender des FKT bestätigt und mit der weiteren
Geschäftsführung für den FKT beauftragt.
Es bleibt noch nachzutragen, dass
zwischenzeitlich wieder eine Spende in Höhe von 250,00 Euro auf dem Konto
des FKT eingetroffen ist. Eines unserer Mitglieder will damit das Projekt
der Visualisierung unterstützen. An dieser Stelle dafür herzlichen Dank.
In der Vorfreude auf unser nächstes
internationales Treffen in den Niederlanden grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr Ekkehard Koch.
Die Bilder zu diesem Bericht wurden zur
Verfügung gestellt von: Dr. Marisa Addomine, Lothar Bornschein, Klaus Ferner,
Festo Berkheim, Hans-Peter Kuban, Dr. Ruud Mestrom, Thomas Muff,
Geoffry Sykes
und dem Verfasser.
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Tagungsbericht 2007
Fachkreis Turmuhren,
Internationales
Turmuhrensymposium,
10. bis 13. Mai 2007
in CH 6004-Luzern

Es
war das zweite internationale Treffen des Fachkreises Turmuhren. Nach der im
Jahr 2006 voraus gegangenen Begegnung in Goslar wurde der Wunsch geäußert,
wieder ein Treffen mit unseren Mitgliedern und Freunden aus dem Ausland zu
planen. Mit der großartigen Unterstützung und Hilfe unserer Mitglieder,
Herrn Thomas Muff, aus Triengen in der Schweiz und seinem Mitarbeiter Oskar
Näpflin, konnte dieses auch realisiert werden. Als Tagungsort wurde die
Stadt Luzern in der Zentralschweiz ausgesucht. Im nahe am Vierwaldstättersee
gelegenen NH
Hotel Luzern, in der Friedenstrasse 8, waren Zimmer und Tagungsraum gebucht.
Alles vortrefflich; doch Fremder, kommst Du nach Luzern, dann möglichst ohne
Auto! Die Parkplatzsuche ist einfach, Parkhäuser sind vorhanden, aber die
Preise!
Am Anreisetag,
dem Donnerstag, das Wetter war prächtig, trafen 81
Teilnehmer aus 9 Ländern im Hotel ein. Vertreten waren Belgien, Deutschland.
Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande,
Österreich, Schweiz und die USA.
Sie wurden im Foyer
begrüßt und mit Namensschildchen und Tagungsunterlagen einschließlich
Stadtplan ausgestattet. Bald machten sich die ersten Grüppchen auf den Weg
in die Stadt, der Nachmittag stand zur freien Verfügung. Ein Spaziergang am
Vierwaldstättersee entlang oder zum Verkehrshaus in Luzern,
es ist das meistbesuchte Museum der Schweiz, mit über einhundert
Original-Flugzeugen, Lokomotiven, Strassenfahrzeugen, Seilbahnen,
Schiffsmodellen und Ausstellungen über Kommunikation und Raumfahrt. Ebenso
lockten die
Kapellbrücke, Spreuerbrücke, Jesuitenkirche oder einfach nur ein
Terrassenplatz in einem der zahlreichen Lokale in der Altstadt. Der in
seinen hohen Flanken noch schneebedeckte „Hausberg“ von Luzern, der 2128 m
hohe Pilatus, gab sein bestes, um dem Beschauer die schönsten Eindrücke zu
übermitteln.

Luzern, Blick auf Jesuitenkirche und Pilatus
Zum
geplanten, gemeinsamen Abendessen waren alle wieder im Hotel vereint. Im
großzügigen Kolpingsaal, unserem Tagungsraum für die Dauer des Aufenthalts,
erwartete uns ein reichhaltiges Speiseangebot. Muntere Gespräche, die
Wiedersehensfreude und Erwartung gleichermaßen zum Inhalt hatten, dauerten
teilweise bis in den frühen Morgen.
Am
Freitag starteten wir sofort nach dem Frühstück mit zwei
Reisebussen von Luzern
nach Triengen, dort hatte die Firma Joh. Muff AG, Kirchturmtechnik, zur
Betriebsbesichtigung eingeladen. In diesem beeindruckend und vorbildlich
organisierten Betrieb war nach kurzer Einführung in die Firmengeschichte
ausführlich Zeit und Gelegenheit zum Rundgang und Gesprächen. Die Inhaber,
Thomas und Stephan Muff, hatten dabei die tatkräftige Unterstützung von
ihren Vater Hanspeter Muff und der Mitarbeiter der Firma. Das Haus stand uns
mit allen Räumen und Werkstätten offen.

Die Reisegruppe
auf dem Firmengelände der Muff AG
An
den Arbeitsplätzen herrschte rege Betriebsamkeit und es blieb nicht nur bei
dem berühmten „Blick über die Schulter“; gestellte Fragen wurden ebenso
bereitwillig beantwortet wie die durchgeführten Arbeiten erklärt.

„Zahnausfall“ in
der Behandlung,
Das
Arbeitsgebiet der Firma Muff ist sehr vielfältig, von der Schmiede bis zur
Elektronik reicht das Spektrum. Über 80 Besucher wuselten durch das Haus und
konnten sich nicht satt sehen. Aus der Schmiede erklangen Hammerschläge, im
Vorführraum für Glocken ertönten die unterschiedlichsten Glockenklänge und
es war erstaunlich zu erfahren, welche Eigenheiten und Vielfalt es an
Geläuten gibt.

Vorführung
verschiedener Glockengeläute
Im
Eingangs- und Treppenbereich waren die ersten Turmuhren zu entdecken,
fortgeführt wurde dieses bis in das an unserem Besuchstag eröffnete erste
schweizerische Museum im Bereich der Kirchturmtechnik.

Eines der
„Prunkstücke“
im Museum für
Kirchturmtechnik der Muff AG
Verschiedenste
Fabrikate, ausgestattet mit unterschiedlichsten Hemmungen waren ebenso
anzuschauen wie geschmiedete Werke mit Spindelhemmung und noch originaler
Waag. Bei einer Turmuhr drängten sich die Experten, hier gab es eine Hemmung
zu bestaunen die noch keiner zu Gesicht bekommen hatte. Es würde den Rahmen
des Berichtes sprengen, wollte man alle Besichtigungspunkte detailliert
beschreiben. Erlaubt sei aber noch ein Wort zur Vergolderwerkstatt. In einem
besonderen Raum stapelten sich auf Tischen und in Regalen Teile, die der
Vergoldung harrten bzw. in einem bestimmten Status des Vergoldungsprozesses
auf den nächsten Arbeitsgang warteten.

In der
Vergolderwerkstatt
Völlig frei und losgelöst von aller Geheimniskrämerei wurde hier der
komplette Vorgang der Blattvergoldung vorgeführt und bis ins Detail
erläutert. Fachbegriffe wie Feehaarpinsel, Mixtion und Rosenobeldoppelgold
mit 23 3/4 Karat schwirrten durch die Luft und fanden verständliche
Erklärung. Es war nur schwer sich von all dem zu lösen, wollte doch noch die
Abteilung der Restauratoren besucht werden. In einem besonderen Bereich
lagen Teile einer geschmiedeten Turmuhr zur Restaurierung bereit. Gezeigt
wurde die Entrostung. Wie wir sehen konnten, reine Handarbeit, kein
Säurebad, keine Elektrolyse, keine Strahlkabine, wirklich alles von Hand und
Stück für Stück. Eingebunden in die Firmenbesichtigung war ein gemeinsames
Mittagessen in einem eigens für unseren Besuch errichteten Festzelt mit
Tischen und Bänken. Ein Pizzabäcker zelebrierte schmackhafte Spezialitäten
aus seinem Ofen und die Stimmung aller Beteiligten konnte nicht besser sein.
Schwer fiel uns der Abschied von dieser ebenso fachlichen wie
gastfreundschaftlichen Stätte.
Die
Busse warteten und weiter ging die Fahrt nach Winterthur zu unserem nächsten
Ziel, dem Gewerbemuseum, Kirchplatz 14. Besichtigung der Uhrensammlung
Kellenberger, „Zeitreise durch vier Jahrhunderte“, mit Einblick in die
Restauratorenwerkstatt; Führung durch die Konservatorin Frau Brigitte
Vinzens stand als nächstes auf dem Tagesplan. Seit 1999 befindet sich
die Sammlung von Weltrang, die Konrad Kellenberger in 44 Jahren
zusammengetragen hatte, in den Räumen des Gewerbemuseums. Thematisch
gegliedert und mit erläuternden Texten zur Geschichte der Zeitmessung
versehen, lädt die Präsentation zu einer Zeitreise ein. Sie führt vorbei an
frühen Instrumenten zur Himmelsbeobachtung, an Sonnen- und Sanduhren, an
Räderuhren und Prunkuhren aus der Renaissance bis hin zu Taschenuhren und zu
elektrischen Zeitmessern. Schwerpunkte der Sammlung bilden die berühmten
eisernen Konsolenuhren der Winterthurer Uhrmacher Liechti aus dem 16. und
17. Jh. und eine bedeutende Kollektion von Schweizer Holzräderuhren des 18.
Jh. Aber auch der sich wandelnde Herstellungsprozess vom Einzelstück zur
Serienproduktion wird illustriert. Schon am Bushalteplatz erwartete uns Frau
Vinzens, fröhlich und unkompliziert, wie immer. Einer kurzen aber herzlicher
Begrüßung folgte sogleich der Rundgang durch das Museum. Je nach
persönlichem Interesse teilte sich die Gruppe auf und betrachtete die in
vieler Beziehung wohl einmaligen Exponate.

Eine der
wunderbaren Uhren
im Museum in Winterthur
Wohltuend ist es, dass trotz der großen Stückzahl und Vielfalt noch
ausreichend Abstand zwischen den einzelnen Preziosen ist. Das Auge kann
ungestört die Details abtasten und wird nicht schon vom „Nachbarstück“
beeinträchtigt. Frau Vinzens gab trefflich fachliche Auskunft und hatte
zudem „Ihre“ Werkstatt geöffnet und auch dort hatten wir freien Zugang. Es
ist kein Geheimnis, dass Frau Vinzens eine exzellente Uhrmacherin ist und
sich gerade auf dem Gebiet der frühen Uhren nicht nur in der Theorie bestens
auskennt. Die Restaurierung alter Uhren ist neben der Musik (wo sie
ebenfalls hervorragendes leistet) eine besondere Domäne. Der Amboss in ihrer
Werkstatt gibt beredtes Zeugnis davon, dass hier wirklich defekte Teile
unter restauratorischen Gesichtspunkten zu neuem Leben erwachten.
An
dieser Stelle sei der Hinweis erlaubt, dass über „Die Uhrmacherfamilie
Liechti von Winterthur und ihre Werke“ im Herbst 2006 ein neu überarbeitetes
Buch erschienen ist. Autoren sind Adolf Schenk und Georg von Holtey. Verlag:
Gewerbemuseum Winterthur, ISBN 3-9520940-3-X 10, Broschüre, Maße: 210x160
mm, Preis, wenn ich mich recht erinnere, 22,50 Euro, plus Porto. Auf 104
Seiten wird hier in Wort und Bild, teils farbig, die Geschichte der Familie
Liechti behandelt und die wichtigsten Uhren gezeigt. Ein wirklich
empfehlenswertes und umfassendes Buch.
Bei
der Vielfalt an Eindrücken war es nicht verwunderlich, dass die Zeit wie im
Flug verging und zur Heimreise gemahnt wurde. An dieser Stelle nochmals
herzlichen Dank an Frau Vinzens für den freundlichen Empfang und die Geduld
bei der Beantwortung vieler Fragen. Wohlbehalten gelangten wir wieder nach
Luzern und verbrachten den freien Abend in der Stadt.
Keine Nacht ist so lang, oder in diesem Fall besser so kurz, dass Sie kein
Ende hat. Schnell war es Samstag und das Programm ging weiter.
Nach
dem Frühstück versammelten wir uns vor dem Hotel und machten uns unter der
Führung von Thomas Muff und Oskar Näpflin auf den Weg zum
Rathaus von Luzern.
Vor
dem altehrwürdigen Gebäude, in der Zeit von 1602 bis 1606 im Stil der
italienischen Renaissance errichtet, wurden wir von Herrn Hanspeter Muff,
dem Senior der Familie Muff und einer Rathausführerin bereits erwartet. Nach
einer Einführung über das Bauwerk und seine Geschichte betraten wir das
Rathaus.

Unser Führer zu
den „Uhr-sachen“ in Luzern,
der
Stadtuhrmacher von Luzern, Jörg Spöring
Im
Rathaussaal erwartete uns der Eidgenössische Dipl. Uhr-machermeister Jörg
Spöring, Stadtuhrmacher und Zeitrichter von Luzern. Er stellte
sich und seine Arbeit in einer launigen Rede vor. Mit 73 Jahren, die man ihm
nicht ansieht, macht er täglich seine Tour zum Rathaus und zum Zytturm an
der Museggmauer. An beiden Orten werden täglich die gewichtbetriebenen
Uhrwerke aufgezogen. Im Zytturm befindet sich die älteste Uhr der Stadt aus
dem Jahre 1535, hergestellt von Hans Luter. Diese Uhr hat das Privileg, eine
Minute vor allen anderen Uhren der Stadt die Stunden zu schlagen. Der
Restaurierung und Pflege durch Herrn Spöring verdanken diese Zeitzeugen aus
längst vergangenen Tagen, dass sie heute noch die öffentliche Zeit anzeigen.
Eine Führung durch das sehenswerte Innere des Rathauses mit seinen
wunderbaren Decken und Vertäfelungen im Ratsaal, in der Bibliothek, im
Lesesaal, im Porträtsaal und in dem z. Zt. von Restauratoren belegten Archiv
war das Vorspiel zum Aufstieg zur Rathausuhr. Doch auf dem Weg dort hin
führte der Weg durch das Vestibül des Rathaussaales. Eine hoch aufragende
Standuhr säumte den Weg und zog alle Blicke auf sich. Eine zierliche Dame
stand lächelnd an der Uhr und erklärte, dass es sich dabei um eine Uhr aus
dem Jahr 1553 handelt, die von dem Züricher Uhrmacher Hansen Luther(er)
hergestellt wurde. Diese Uhr betreibt über ein verzweigtes System von
Zeigerleitungen insgesamt vier Nebenuhren in den angrenzenden Räumen. Die
prachtvollen Zifferblätter hatten wir zuvor schon gesehen ohne zu wissen
„was dahinter steckt“.

Eines der
Zifferblätter in den Räumen des Rathauses
Seit
454 Jahren verrichtet das Werk seine Arbeit. Im Laufe der Zeit wurde die Uhr
mehrmals überarbeitet, zuletzt erhielt sie 1906 ein Langpendel, was die
Ganggenauigkeit nochmals verbesserte. Diese Arbeiten wurden durch Ungerer
aus Straßburg ausgeführt. Jetzt wird sie seit über 40 Jahren von Herrn
Spöring betreut und aufgezogen. Übrigens, die freundliche Dame war
Frau Louise Spöring, die Ihren Mann bei seiner Arbeit tatkräftig
unterstützt und oft begleitet. Nach dieser „Zwischenstation“ ging es
wirklich den Turm hinauf, zur Rathausuhr aus dem Jahr 1788. Dieses Werk, vom Uhrmacher Grüter aus Weggis,
einer kleinen Ortschaft am Vierwaldstättersee gefertigt, wurde 1841 vom
Uhrmacher Suter aus Kleewald restauriert.

Die Hemmung der
Turmuhr im Rathaus, Scherengang
Die Legende
berichtet, dass diese neue Rathausuhr zuvor im Kirchturm zu Weggis stand.
Durch einen Blitzschlag wurde der Turm in Brand gesetzt und die Luzerner
Regierung hätte das Wrack der Uhr gekauft. Die Uhr sei durch den erwähnten
Uhrmacher Grütter wieder hergestellt worden. Der Wahrheitsgehalt dieser
Geschichte ist nicht verbrieft, wird aber zurzeit erforscht.
Der
Zeigerwerksabtrieb teilt sich auf für zwei Zeitanzeigen. Zuerst wird der
Stundenzeiger des großen Zifferblattes angetrieben. Ein Minutenzeiger ist
hier nicht vorhanden, dafür hat es der Stundenzeiger in sich. Mit einem
Gewicht von mehr als 40 kg ist er eine ebenso gewichtige wie wichtige
Erscheinung. Die Spitze, als Sonne ausgebildet zeigt die Stunden und am
anderen Ende bildet der Mond das Gegengewicht. Über dem Zifferblatt ist eine
große Scheibe, die in 59 Tagen eine Umdrehung macht. Auf dieser Scheibe sind
zwei vergoldete Mondscheiben angebracht. Das ergibt zwei Lunation von 29 ½
Tagen mit dem bekannten Fehler von einigen Stunden. Die zweite Zeigerleitung
führt senkrecht den Turm hinauf zu einem „Turmaufsatz“ mit vier weiteren
Zifferblättern. Hier werden auf drei Zifferblättern Minuten und
Stunden angezeigt, auf dem vierten Blatt nur die Stunden.

Der Rathausturm,
unten das große Zifferblatt
mit der Stunden-
und Mondphasenanzeige, darüber
der aufgesetzte
kleine Turm mit vier Zifferblättern.
Doch
der Besuch im Rathaus und die geschilderten Besichtigungen waren erst der
Auftakt des Tages. Weiter ging es dann unter der kundigen Führung von Herrn
Hanspeter Muff
durch die Gassen von Luzern, zur alles überragenden Museggmauer. Teil der
Mauer, deren Bau in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts begonnen wurde,
ist der Zytturm (Zeitturm), er wird auf das Jahr 1408 datiert. In der
Bauabrechnung vom Bauherrn Kupferschmied ist es so hinterlegt. Die erste
öffentliche Schlaguhr von 1385, von Magister Heinrich Halder aus Basel,
wurde ebenfalls 1408 vom Gragenturm in den Zytturm versetzt, so berichtet
der. Chronist Renward Cysat). Die Mauer mit ihren Türmen hat heute noch eine
Länge von 870 Metern und ist ein einzigartiges Baudenkmal mittelalterlicher
Zeit. Ein Bereich der Mauer ist begehbar und ermöglicht einen wunderbaren
Ausblich auf Luzern, den Vierwaldstättersee und die herrliche Bergwelt.
Zytturm, wie der Name schon vermuten lässt, ein Turm, der etwas mit der Zeit
zu tun hat. Er beherbergt auch wirklich eine Uhr, deren Einbau bereits im
Jahr 1535 erfolgte. Durch die hochgelegene Mauer und in Verbindung mit der
Höhe des Turmes (31 m) war es möglich, über das außen angebrachte
Zifferblatt den Fischern auf dem See die Zeit zu zeigen. Der Turm ist heute
öffentlich zugängig und die Uhr, bequem über eine breite Holztreppe zu
erreichen, ist wohlverwahrt in einer großzügig verglasten Umhausung. Wir
wurden vom
Uhrmachermeister Henry Rhein
erwartet; ihm ist die Liebe zu Turmuhren anzumerken, wenn er fachkundig über
Zeitgeschichte und Technik berichtet. Hansen Luter (Hans Luterer) ein
Zeitgenosse von Lorenz Liechti hat die Uhr gefertigt und 1535 dem Rat von
Luzern übergeben. Bis heute verrichtet sie Ihren Dienst, nicht zuletzt dank
der Wartung und des täglichen Aufzugs des Luzerner Stadtuhrmachers Jörg
Spöring. Bei diesem Namen, der dem Leser bekannt vorkommen mag, ist
anzumerken, dass es sich dabei um den Erbauer der weltberühmten „Türler-Uhr“
handelt, die astronomische Uhr steht in Zürich, am Paradeplatz bei Juwelier
Türler. In neunjähriger Bauzeit, in Zusammenarbeit mit dem promovierten
Uhrmachermeister Ludwig Oechslin,
Leiter des Internationalen Uhrenmuseums (musée international d'horlogerie)
in
La Chaux-de-Fonds,
entstand die Uhr in Spörings Werkstatt. Mit einer Fülle von Eindrücken
verabschiedeten wir uns vom Zytturm und der beeindruckenden Uhr, einem noch
„lebenden“ Zeugen aus längst vergangener Zeit. Dessen Pendel, mit der
beachtlichen Länge von 9 m, hoffentlich noch viele Jahre schwingen darf und
der Stadt Luzern und ihren Bewohnern über Zifferblatt und Schlagglocke eine
gute Zeit verkünden möge.
Als
Literaturhinweis seien zwei Schriften erwähnt:
a)
„Die Uhr im Zytturn uff Musegk zu Lucern, 1385 – 1535“, 1975 herausgegeben
von Spöring & Co, Uhren & Bijouterie, Luzern, Broschüre, 44 Seiten, 205 x
215 mm. Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich, Preis je nach Ausgabe
und Zustand um die 50,00 Euro. Es gibt zwei Ausfertigungen, 3000 broschierte
Exemplare und 200 leinengebundene handschriftlich nummerierte Bücher.
b)
„Zur Geschichte der Turmuhren in Freiburg im Breisgau“ Autor ist Dr.
Christoph Hallermann, Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau, 2001, ISBN
3-89155-256-4, 48 Seiten broschiert, 208 x 270 mm. In diesem Buch, das
noch für ca. 12,-- Euro plus Versandkosten erhältlich ist, sind die Freiburger Uhren
beschrieben, soweit sie von Luterer gefertigt wurden.

Auf der
Museggmauer, rechts der „Zytturm“
Der
Vormittag neigte sich dem Ende und es zog uns wieder zu unserem
Tagungshotel. Nach einer verdienten Stärkung kamen wir zum Tagungsteil mit
den Fachvorträgen.
Die Internationalität
machte es natürlich erforderlich die Führungen und Vorträge sowohl in
deutsch wie auch in englisch zu verfassen und vorzutragen. Bei den
Besichtigungen herrschte ein buntes Sprachengemisch und es war interessant
zu beobachten, wie die einzelnen Fachbegriffe, so sie nicht geläufig waren,
mit schönen Umschreibungen gefunden wurden. Pendel scheint einfach, Pendel,
Pendule, Pendulum, Pendolo, doch dann fällt das Wort Slinger.
Verständnislose Blicke; doch unsere Freunde aus den Niederlanden, in der
Regel sprechen Sie außer Ihrer Muttersprache noch englisch und deutsch,
erklären, dass „Slinger“ doch das niederländische Wort für Pendel ist und
schon ist alles klar.
Das
erste Vortragsthema lautete „Schwilgué, Turmuhrmacher aus Straßburg“,
Prof. Denis Roegel, aus Frankreich, ein brillanter Kenner der
Geschichte und der Uhren von Schwilgué und Ungerer führte uns in dieses
Thema ein. Die Fortsetzung dazu kam in Vortrag drei, mit der Überschrift
„Schwilgue und die astronomischen Indikationen der Uhr im Straßburger
Münster“. Die fachlich sehr fundierten Vorträge beleuchteten das Leben
von Schwilgué und seinen Werken. Bilder und Zeichnungen vermittelten einen
Eindruck der komplexen Zusammenhänge von mathematischen Berechnungen und der
Umsetzung in die Mechanik. Themen, die alleine mehrere Tage füllen könnten.
Passend zum Kapitel der Zeitmessung hörten wir als Vortrag zwei von
Walter Brouns aus den Niederlanden etwas über „Christian Huygens und
das Pendel“. Unterstützt von Bildern zog der Lebensabschnitt Huygens an
uns vorbei, der sich mit der Zeitmessung und dem Pendel beschäftigte. Klar,
Huygens dürfte jedem ein Begriff sein, doch so belegt ist es nochmals eine
neue Erfahrung. Nach soviel Technik- und Geschichtsdaten kam eine kurze
Pause sehr gelegen und der nächste Referent konnte sich vorbereiten.
Vortrag vier hatte die Überschrift „Die Basler Stunde“ und
Christian Borck nahm das Wort. In gewohnter Weise gut recherchiert und
zusammengestellt brachte er uns nahe, weshalb auf dem vielen Uhrenfreunden
bekannten Stich Nova Reperta Nr.5 „Horologia Ferrea“ von Jan van der
Straet (Stradamus), aus dem 16. Jahrhundert, ein Zifferblatt zu sehen ist,
dass an der Stelle der Zwölf oben eine Eins hat. Verständlich wird diese
Basler Stunde wenn man der Legende Glauben schenkt. Demnach wurde die Stadt
Basel von Feinden belagert. Die Belagerer hatten Kollaborateure in der Stadt
und verabredeten, dass in der Nacht ein Überfall stattfinden sollte. Als
Signal wurde 12 Uhr Mitternacht vereinbart. Mit dem Stundenschlag sollten
die Kampfhandlungen beginnen. Der Türmer und für die Uhr Verantwortliche
hörte von diesem Plan. Es blieb ihm aber keine Zeit die Wachen in aller
Stille darüber zu informieren. Um den Feind zu irritieren stellte er die Uhr
um eine Stunde vor, ersetzte er den Zwölfuhrschlag mit durch den Schlag für
Einuhr und die Verschwörer waren verunsichert, sie gingen in der Annahme,
die Angriffszeit versäumt zu haben, in ihre Behausungen zurück. Die
Angreifer von außen stellten ebenfalls ihr Vorhaben ein. Es ist nur eine
Geschichte, nicht wahr? aber schön zu lesen. Die wirklichen Zusammenhänge
wurden in dem Vortrag geschildert. Verbrieft ist, dass erst seit dem 1.
Februar 1798 auch in Basel die Uhren so zählen, wie in der übrigen Schweiz
und den benachbarten Ländern.
Im
Anschluss an die Vorträge war zum Festlichen Abendessen geladen. Dem Anlass
entsprechend gekleidet und in fröhlicher Stimmung wurde getafelt und
erzählt. Hier kam zum Ausdruck, dass die Teilnehmer des Symposiums auch in
festlich geselliger Runde einander viel mitzuteilen haben. Unsere Ehrengäste
des Abends waren das Ehepaar Louise und Jörg Spöring. Fachgespräche,
Anekdoten, persönliches, untermauert mit Bildern vom Enkelkind bis zur
restaurierten und/oder erworbenen Uhr, füllten den Raum. Zu dem Abend
zählten auch Vorträge wie Gedichte, Lieder, Reden und Ehrungen. Es war ein
langer Abend (oder schon früher Morgen?).
Der
Sonntag, Abreisetag, versprach nochmals zwei Fachvorträge. Unser Freund aus
den Niederlanden, Bert Cremers, berichtete über die „Turmuhrmacher
der Niederlande“. Es war interessant zu hören, wie die Entwicklung bei
unseren Nachbarn verlaufen ist und mancher Name, wie zum Beispiel
Bonaventura Eijsbouts (Eisbauts gesprochen), aus Asten, kam uns
bekannt vor. Diese 1872 gegründete Firma existiert noch heute und liefert
ihre Produkte unter der jetzigen Firmenbezeichnung „Royal Eijsbouts“
weltweit. Dann folgte Vortrag fünf. Von allen mit Spannung erwartet kam Frau
Dr. Ing. Marisa Addomine aus Italien zu Wort. Frau Addomine ist die
Präsidentin des „Registro Italiano Orologi da Torre“, also einem
Gegenstück zum Fachkreis Turmuhren. Sie hatte im Vorjahr über die Entdeckung
einer Turmuhr aus dem 14. Jahrhundert in der Stadt Chioggia, in Italien
berichtet. Der heutige Vortrag hatte den Titel “Die Chiaravalle Uhr“.
Die Recherche nach der Vergangenheit einer aufgefundenen Turmuhr ist das
Besondere an den Vorträgen von Frau Addomine. Gemeinsam mit Ihrem Mann
Daniele forscht sie in Archiven, entziffert alte Schriften und befragt
Personen die im Umfeld des Forschungsobjektes leben. So erwacht aus dem
Vortrag ein lebendiges Bild der Uhr und man glaubt sich förmlich
hineinversetzt in die Zeit ihrer Entstehung und erlebt mit ihr die Zeit bis
heute oder auch bis zu ihrem vorzeitigen Untergang. Tragisch ist, dass die
Uhr von Chiavaralle, dieses Meisterwerk, welches in Aufzeichnungen von
Leonardo da Vinci in Wort und Schrift festgehalten wurde, heute nicht mehr
existiert. 1842 war die Uhr noch nachweislich im Turm der
Zisterzienserabtei. Heute nimmt ihren Platz ein Uhrwerk aus dem 19.
Jahrhundert ein, das von den Brüdern Cappé in Casorate, einer kleinen Stadt
nahe von Mailand, hergestellt wurde. Vom alten Werk und dem astronomischen
Getriebe ist keine Spur mehr vorhanden. Hier enden die Fachvorträge und
etwas Wehmut, nicht nur abgeleitet aus dem letzten Bericht, kommt auf.
Es
folgte eine Zusammenfassung des Symposiums, ein Bericht über die die
Finanzen und die Arbeit des Fachkreises auf Schloss Raesfeld, wo wir eine
neue Turmuhr nach altem Vorbild schmieden. Es galt noch abzustimmen, wo das
nächste Treffen des Fachkreises im Jahr 2008 sein soll. Zur Wahl standen die
Orte Hamburg, Lübeck, Stuttgart, Esslingen, Stralsund und Rostock. Die Wahl
fiel auf den Raum Stuttgart. Für das nächste internationale Symposium,
geplant für 2009, wurden England, Italien oder die Niederlande
vorgeschlagen.
Mit
einem ausgiebigen Lunch für die Heimreise gestärkt und in der Vorfreude auf
2008 klang das internationale Symposium in Luzern aus.
Die Bilder zu diesem
Bericht wurden zur Verfügung gestellt von:
Brigitte Knögel, Lothar
Bornschein, Thomas Muff und vom Verfasser.
Ekkehard
Koch
Tagungsbericht 2006
Fachkreis Turmuhren,
Turmuhrensymposium,
11. bis 14. Mai 2006
in D-38640 Goslar

Das
mit Spannung erwartete Treffen der Freunde der Turmuhren war in diesem Jahr
im Hotel
„Der Achtermann“, Hotel und Tagungszentrum,
Rosentorstraße 20, D-38640 Goslar.
In geschichtsträchtiger Umgebung fanden wir in diesem großartigen Hotel
freundliche Aufnahme und allerbesten Service vor. Zimmer und Tagungsraum
luden zum gastlichen Verweilen und die Küche gab ihr Bestes die
Tagungsteilnehmer zu verwöhnen. In dieser "Wohlfühlatmosphäre" trafen sich
über 90 Teilnehmer aus Europa und Übersee. Das Programm war wohlgefüllt mit
Besichtigungen und Fachvorträgen. Gleich am Anreisetag, nach dem gemeinsamen
Abendessen, führten uns Uhrenfreunde aus Goslar zur "Marktkirche",
mit Besichtigung der ersten von Weule gebauten Turmuhr, die noch heute in
Funktion ist. Uhrmachermeister Gerhard Wilde, der auch die Uhr betreut,
erklärte Geschichte und Funktion der Uhr. Aus der Türmerstube, die nach 124
Stufen erreicht war, hatten wir einen schönen Blick über die abendliche
Stadt. Frau Regine Wilde hatte zu einer Stadtbesichtigung eingeladen und
führte durch die malerischen Gassen der Altstadt von Goslar. Gut
restaurierte Fachwerkbauten säumten den Weg, der schlussendlich bei einem
Glas Bier und mit vielen Gesprächen endete.
Der
kommende Tag, Freitag, war ein Reisetag.
Um 08:00 Uhr starteten wir
mit 2 Reisebussen nach Braunschweig. Unser Ziel war die PTB (Physikalisch
Technische Bundesanstalt) hier war der Besuch des Zeitlabors
mit seinen "Atom-Uhren" vorbereitet.

am Eingang zur
PTB
Die Betreuung durch die Herren Dr. Jens Simon, Dr. Weyers, Dr.
Kleine-Ostmann und Dr. Ramm, war bestens. Kurzvorträge und Führungen
zu den Themen: Zeit und
Frequenz, Elektrizitätszähler Kabinett, elektro-magn. Felder erklärten die
praktischen Vorführungen. Es war beeindruckend in unmittelbarer Nähe der
genauesten Uhren der Welt zu stehen, deren Zeitsignale unsere Funkuhren
steuern.

eine der
Atomuhren im Zeitlabor der PTB
Wer
hat es nicht schon gehört "DCF77" D=Deutscher; C=Langwellensender; F=
Frankfurt; 77,5 kHz =Trägerfrequenz. Kurz und gut, es war beeindruckend! Ein
Mittagessen in der Kantine der PTB gab Raum zur Entspannung und Vorbereitung
auf das nächste Tagesziel.
Weiterfahrt nach Bockenem und Besuch
des Turmuhrenmuseums am Buchholzmarkt, nahe der Pankratius
Kirche, mit besonderen Stücken der Firma Weule, die in dieser Stadt ihre
Fertigung hatte. In diesem, ganz auf Turmuhren ausgerichteten Museum
erwarteten uns die Herren Bothe und Linne. Unter ihrer Fachkundigen Leitung
die einzelnen Uhrwerke erläutert zu bekommen, ist schon etwas ganz
besonderes.

Herr Walter
Linne und "seine" Plantagenuhr

....und so
sieht das seltene Stück von 1924 aus
Das Museum zeigt wirklich einen liebevoll zusammengetragenen Querschnitt aus
der Fertigung der Firma Weule.
Ein Besuch ist jedem Freund der Turmuhren nur zu empfehlen.
Es wurde uns nicht leicht, diesen Ort zu verlassen, doch die Zeit zur Rückkehr nach Goslar drängte.
Auf
dem Rückweg besuchten wir in Hahnenklee, unweit von Goslar, noch eine
bauliche Besonderheit, die Stabkirche.

Die Stabkirche
in Hahnenklee
Es
ist ein Kirchenbauwerk in norwegischer Tradition aus dem Jahre 1908.

Blick in den
Innenraum der Stabkirche
Das
ganz aus Holz errichtete Gebäude von innen zu erleben und der Erklärung zu
lauschen war ein würdiger Abschluss des ereignisreichen Tages.
Der
Samstag wartete wieder mit einem Besichtigungsprogramm auf.
Wir fuhren zunächst
nach Ilsenburg,
zur 1530 gegründeten traditionsreichen
Fürst Stolberg Hütte, einer Gießerei für Feinguss.

Herr Roer, Vater des
Firmeninhabers, begrüßt uns
Hier
konnten wir im Rahmen einer Betriebsbesichtigung mehrere Gießvorgänge
miterleben.

Ein Maschinenteil wird gegossen
Es
entstanden vor unseren Augen Maschinenteile aus Grauguss und filigrane Dinge
wie z.B. eine Schale mit filigranem Muster.

Teilansicht einer
kunstvoll geformten und gegossenen Schale
aus Grauguss,
heute eine wirklich seltene Kunst
Der Besuch der
Fürst Stolberg Hütte in Ilsenburg ist
empfehlenswert; hier kann nachvollzogen werden, wie die Gestelle und Teile
der ersten industriell gefertigten Turmuhren hergestellt wurden.
Weiter ging es, nächstes Ziel Bad Grund, mit dem Uhrenmuseum der
Familie Berger.

immer ein schöner Anblick, das
Uhrenmuseum in Bad Grund
Vor der Besichtigung war es
sinnvoll, sich zunächst im Cafe des Museums, bei Stefanie Berger, der
Tochter der Inhaber, an selbst hergestellten Köstlichkeiten zu laben. Die
über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Torten und Kuchen erlebten großen
Zuspruch und bildeten eine perfekte Grundlage vor dem Museumsrundgang. Genau
kann ich es nicht sagen, aber es werden sicher über 1500 Exponate aus der
Welt der Uhren gezeigt. Torge Berger, Sohn der Inhaber, seines Zeichens
Uhrmachermeister, stand uns Besuchern mit Rat und Auskunft zur Verfügung.
Besonders beeindruckend waren natürlich die vielen funktionsfähig
aufgestellten Turmuhren. Von der geschmiedeten Uhr bis zum Ende der
industriemäßig hergestellten Uhrwerke ist alles zu sehen.

Der Saal mit den
Turmuhren
Es
gab vieles zu sehen und zu bestaunen, die Zeit verging wie im Flug und für
manchen kam der Abschied auch nach Stunden des Aufenthaltes noch zu früh. Es
ist eben ein Museum, das selbst nach vielen Besuchen immer noch unentdecktes
bereithält und somit immer wieder ein Anziehungspunkt für Uhrenfreunde ist.
Zurück in Goslar verblieb nur kurze Zeit sich für das
festliche Abendessen vorzubereiten. Im Turmsaal waren festliche Tische
gedeckt in froher Runde, begleitet von Gesprächen, Reden und vorgetragenen
Gedichten zum Thema Uhren von Frau Lüttke-Buddrus verging Stunde um Stunde.
Nicht unerwähnt bleiben darf, dass unser Freund Christian Borck wieder ein
"Uhrendenkspiel" ausgearbeitet hatte, dessen Lösungen nun bekannt gegeben
wurden. Natürlich fehlte auch die Siegerehrung nicht. Es soll, da es noch
einen Geburtstag zu feiern galt, früh geworden sein.
Am Sonntag,
dem Tag der
Abreise begannen gleich nach dem Frühstück die Fachvorträge.
Frau Dr. Ing. Marisa Addomine, Presidente Registro
Italiano Orologi da Torre (ONLUS), Italien; berichtete in Wort und Bild
ausführlich über "Die Entdeckung einer Turmuhr aus dem 14. Jhd in der
Stadt Chioggia in Italien". An Hand von Bildern und Auszügen aus alten
Schriften verdeutlichte und Frau Addomine die Besonderheit dieses Fundes und
zog Parallelen zu den ältesten in England gefundenen Turmuhren, wie z.B. zur
Turmuhr von Salisbury, deren erste Erwähnung zurückreicht in das Jahr 1386.

Die
vorgestellte Uhr aus
Chioggia in Italien
Herr Fortunat
Mueller-Maerki aus den USA hielt den nächsten Vortrag über "Die
Rettung einer Turmuhr" in einer kleinen Kirchengemeinde in den USA. In
der Stadt Ossining, im State New York, hatten sich Turmuhrenfreunde, alles
keine Turmuhrmacher, zusammengeschlossen und in mühevoller Kleinarbeit ein
Turmuhrwerk repariert. Im Rahmen dieser Arbeiten mussten wesentliche Teile
der Hemmung neu ersonnen und angefertigt werden. In diesem Beitrag wurde
wieder einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, sich für technische Zeugen
aus vergangenen Zeiten einzusetzen um diese vor dem Untergang zu bewahren.
Im Verlauf der Tagung
stellten die "Schmiede" im Fachkreis Turmuhren das Ergebnis
ihrer Arbeiten auf Schloss Raesfeld vor. Das fertige Gestell der in
Schmiedearbeit angefertigten Turmuhr war aufgebaut und zusätzlich die
weiteren Teile wie Radringe, Achsen und Hebel.

Ergebnis der Schmiedearbeiten
auf Schloss Raesfeld
Den Abschluss, vor dem
Lunch als Stärkung für die Heimreise, bildete wieder eine Rückschau auf das
vergangene Jahr und ein Blick auf die künftigen Aufgaben und Aktivitäten im
Fachkreis Turmuhren.
Ekkehard Koch
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