Tagungsbericht Innsbruck 2025

Tagungsbericht Innsbruck 2025

Symposion des FachKreises Turmuhren
in Innsbruck, 24. – 27. April 2025

Von Lotta Willing mit Bildern von Lotta Willing, Wolfgang Raufer und Bettina Motschmann


Donnerstag, 24. April 2025 – Anreise und fachliche Einstimmung

Am Donnerstag reisten die Teilnehmenden des Fachkreises Turmuhren nach Innsbruck an. Der Auftakt des Treffens stand ganz im Zeichen der fachlichen Einstimmung: In mehreren Vorträgen bot sich Gelegenheit, thematisch in das bevorstehende Wochenende einzutauchen, Wissen zu vertiefen und sich auf die gemeinsamen Besichtigungen vorzubereiten. Gleichzeitig war der Tag geprägt von der Freude über das Wiedersehen innerhalb des Fachkreises und dem persönlichen Austausch unter Kolleginnen und Kollegen.

Abb. 1: Stadtansicht Innsbruck, Foto: Lotta Willing

Freitag, 25. April 2025 – Glocken, Klöster und Uhrmacherkunst

Der Freitag begann mit der Besichtigungdes Glockenmuseums Grassmayr. Bereits beim Betreten des Areals wurde die besondere Kombination aus aktiver Glockengießerei, Museum und Klangraum spürbar. Geführt wurden die Teilnehmenden von Peter und Johannes Grassmayr, die eindrucksvoll die Geschichte der Glockengießerei erläuterten. Seit 1599 werden bei Grassmayr Glocken gegossen – eine Tradition von über 400 Jahren, geprägt von einer außergewöhnlichen Wertschätzung für den Glockenklang und dessen Ursprung.

Ein zentrales Thema war das komplexe Tonspektrum der Glocke. Beim einmaligen Anschlag erklingen über 50 verschiedene Teiltöne, wobei der wahrgenommene Schlagton (Nominal) eine Besonderheit darstellt: Er ist weder physikalisch noch elektronisch messbar, sondern entsteht als akustische Täuschung durch die Vermischung der realen Teiltöne. Der Schlagton lässt sich ausschließlich durch Hörvergleiche und mathematische Berechnungen bestimmen. 

Abb. 2: Beginn der Tour im Museum Grassmayr, Foto: Wolfgang Raufer

Das Geheimnis des Grassmayr-Klangs liegt in der besonderen Rippe (Glockenform) sowie in der sorgfältigen Herstellung. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die klangliche Harmonie sowohl innerhalb einer einzelnen Glocke als auch im Zusammenspiel mehrerer Glocken eines Geläuts dar. Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist der intensive und langanhaltende Nachhall der Grassmayr-Glocken.

Abb. 3: Der Glockenguss, Foto: Lotta Willing

Ein wichtiger Aspekt der Führung war auch der respektvolle Umgang mit historischen Glocken. Während es früher üblich war, gesprungene oder als minderwertig angesehene Glocken einzuschmelzen – wodurch ein bedeutender Teil der Kulturgeschichte verloren ging –, widmet sich Grassmayr heute intensiv der Forschung zu Glockenschäden. Mit Innovationswillen wurden herkömmliche Restaurierungsverfahren weiterentwickelt.

In der sogenannten „Glockenklinik“ konnten bereits Hunderte defekte Glocken aus zwölf europäischen Ländern restauriert werden, sodass sie heute wieder mit ihrem ursprünglichen Klang für kommende Generationen läuten.

Im Anschluss ging es nach Hall mit einem Rundgang durch die Altstadt. Ein besonderer Moment war hier der Gesang der Nonnen. Nur wenige Fußmeter entfernt wurde – begleitet von Orgelklängen – die Pfarrkirche St. Nikolaus besichtigt. 

Ein weiterer Programmpunkt war das Depot – Sammlungs- und Forschungszentrum der Tiroler Landesmuseen (SFZ) in Hall. Auf rund 8.000 Quadratmetern werden mehrere Millionen Objekte aus Kunst, Kultur und Naturwissenschaft verwahrt – einer der größten regionalen Sammlungsbestände Österreichs. Besonders beeindruckend war die Vielfalt anUhren: Turmuhren, Standuhren, Pendeluhren, Kuckucksuhren, Wecker sowie große und kleine Zeitmesser, teils in Figuren eingefasst, unter Glaskuppeln geschützt oder von kunstvollen Holzgehäusen umrahmt. Umgeben von diesen historischen Objekten entstand eine ganz eigene Stimmung – Zeugnisse menschlicher Schicksale, vergangener Alltage und historischer Umbrüche.

Der Tag endete in Schwaz mit dem Besuch des Franziskanerklosters, einer geschützten Anlage mit großer Gartenanlage mitten in der Stadt. Bereits 1474 kamen Franziskaner als Prediger von Wien nach Schwaz. Pater René führte durch das Kloster und insbesondere durch den monumentalen Passionszyklus im Kreuzgang, ein weitgehend unbekanntes Meisterwerk der frühzeitlichen Kunst in Tirol. Die gotische Kirche, 1515 eingeweiht und im 18. Jahrhundert barockisiert, ist heute Teil eines Klosters, das sich in einen nicht öffentlichen Wohnbereich der Franziskaner und einen öffentlich zugänglichen Teil gliedert.

Abb. 4: Gruppenfoto vor dem Franziskanerkloster in Schwaz

Der Kreuzgang wurde 1509 gemeinsam mit der Bonaventurakapelle eingeweiht und diente über lange Zeit als Begräbnisstätte. Noch heute befinden sich zahlreiche Gebeine unter den Steinplatten; im Südgang ist eine einzelne Grabplatte erhalten geblieben. Die Freskenmalereienumfassen 24 Bilder auf über 200 Quadratmetern und zeigen einen Passionszyklus nach Vorbildern von Hans Schäufelein, Albrecht Dürer und Martin Schongauer. Zahlreiche Wappen – insbesondere Schlusssteinwappen – ehren Wohltäter und Stifter des Klosters. Eine erste belegte Überholung der Fresken fand 1652 statt.

Abb. 5: Die Konventuhr im Kloster Schwaz, Foto: Wolfgang Raufer

Besonderes Augenmerk galt der Konventuhr, geschaffen vom Franziskanerbruder Johann Capristan Silbernagl. 1736 wurde ein neues Zifferblatt im Frontbogen angebracht; im originalen Uhrenkasten findet sich ein Eintrag aus dem Jahr 1752. Trotz großer Verluste seines umfangreichen Werkes durch geringe Wertschätzung, bauliche Maßnahmen, Brände und kriegerische Auseinandersetzungen hat sich dieses Uhrwerk erhalten. Im Rahmen des Besuchs wurde auch auf eine internationale Tagung des Fachkreises Bezug genommen, bei der nahezu 50 Fachleute aus Deutschland, der Schweiz und Österreich diese spätbarocke Uhr besichtigten. 

Das Werk kombiniert Gehwerk, Viertelstunden- und Stundenschlagwerk sowie vier Zifferblätter und vier Schlagschellen und war beim Besuch in Betrieb. Hausoberer Br. René Dorer OFM vermittelte dabei eindrucksvoll die Bedeutung und Wertschätzung dieses kostbaren Zeitmessers.

Samstag, 26. April 2025 – Außergewöhnliche Turmuhren als lebendiges Kulturerbe Tirols

Am Samstagvormittag hatte sich die Gruppe getrennt. Die eine Hälfte bekam eine sehr ausführliche Führung nicht nur zu den Uhren in der Hofkirche Innsbruck mit dem Grabmal Kaiser Maximilian I. und den „Schwarzen Mandern“ 

Abb. 6: stillgelegte Hörz-Turmuhr in der Hofkirche, Foto: Bettina Motschmann

Die als Grabeskirche konzipierte Kirche entstand von 1553 bis 1563. 

Die 28 überlebensgroße Bronzefiguren, die um das leere Grabmal gruppiert sind, dominieren den Innenraum.

Abb. 7: Bronzefiguren in der Hofkirche, Foto: Wolfgang Raufer

Leider sind von der Elias Klossner Uhr von 1576 nur noch die zwei Zifferblätter in der Kirche vorhanden. Oben im Turm konnten wir aber die stillgelegte Hörz-Turmuhr und das elektrische Uhrwerk besichtigen 

Abb. 8: Zifferblatt von Elias Klossner Uhr von 1576 im Altarraum, Foto: Wolfgang Raufer

Bei der Orgel von Jörg Ebert in der Hofkirche (eine Art „Schwalbennestorgel“), erbaut von 1555 – 1561) waren leider die Flügeltüren zum Schutz der Orgelpfeifen geschlossen. Diese werden nur bei Konzerten geöffnet. Es handelt sich um die größte, nahezu unversehrt erhaltene Renaissanceorgel Österreichs. Den Große Blasebalg konnte wir oben in der Uhrenstube besichtigt.

Ein weiteres Highlight war die Möglichkeit in den Fürstenchor einzutreten.

Der Zutritt zur Kirche ist nur durch das angeschlossene Volkskunstmuseum des Tiroler Landesmuseums möglich, daher hatten wir die Gelegenheit dieses Museum auch noch zu besichtigen. Uns erwartete Kulturgut zwischen Gestern und Heute, kunstvolles Handwerk, Ausstellungsbereiche wie „Das pralle Jahr“, mit seinen üppigen Festen und Feiern, stehen dem Bereich „Prekäre Leben“, mit den Sorgen und Ängsten der Menschen, gegenüber. Trachten, Weihnachtskrippen und die historischen Stuben machten diesen Besuch zu einer gelungenen Ergänzung des Programms.

Im Anschluss konnte der Stadtturm mit seinen 133 Stufen hinauf zur 31 Meter hohen Aussichtsplattform und dem stillgelegten Mannhardt-Freischwinger von 1878 erklommen werden. Von dort hatte man einen wunderbaren Blick über die Stadt und den Blick auf die Nordkette. Hinter jedem Zifferblatt des Stadtturms ist ein eigenes elektrisches Uhrwerk zu sehen.

Der größere Teil der Gruppe fuhr am Samstag von Innsbruck nach Axams, einer ursprünglichen Großpfarre. In der barock ausgestatteten Pfarrkirche – in voller Pracht und mit typisch Tiroler Festtagsschmuck – führte Herbert Nagl, der die dortige Turmuhr wie kaum ein anderer kennt. Anlass bot auch das Jubiläum des rund 500 Jahre alten Kirchturms: In ihm befindet sich eines der ältesten Turmuhrwerke, das bis heute wieder in Betrieb ist. Der Aufstieg in den Turm gestaltete sich dabei als sehr steil und machte den Zugang zur Technik unmittelbar erfahrbar.

Im Zentrum stand das gotische Turmuhrwerk von Konrad Grienberger, einem Stubaier Turmuhrbauer. Das Werk wurde zwischen 1523 und 1525 zum Preis von 60 Gulden angefertigt und ist nach aktuellem Kenntnisstand sein einziges bekanntes Werk. Es handelt sich um ein Uhrwerk mit Gehwerk und Stundenschlagwerk; im späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert wurde es durch ein vorgestelltes Viertelstundenschlagwerk ergänzt. Auffällig ist eine bislang nicht zugeordnete Punzung „PW“auf der Innenseite der Träger des Räderwerks; auch der Viertelstundentakt ist mit „PW“ bezeichnet. Ursprünglich war das Gehwerk als Waaghemmung ausgeführt; später erfolgte der Umbau auf den Hakengang nach Clement – an die Stelle von senkrechter Spindel und Waage trat ein Anker mit langem Pendel von nahezu sechs Metern.

Dass das Werk heute wieder läuft, ist insbesondere der Maßnahme 2012/2013 zu verdanken: Auf Initiative des Mesners und unseres Führers Herbert Nagl sowie unter maßgeblicher Beteiligung unseres geschätzten Kollegen Mag. Michael Neureiter wurde die Uhrabgebaut, restauriert, ergänzt, wieder aufgebaut und erneut in Betrieb genommen. Neureiter konnte unter anderem eine antike Pendelstange sowie den Windflügel für das Stundenschlagwerkbeschaffen. Fehlende Schlossscheibendes Stundenschlagwerks wurden durch eine Scheibe aus dem Schwarzwald ersetzt, die nahezu genau passte. Zuvor befand sich das Werk in einem stark verschmutzten Zustand, zudem fehlten Teile – etwa war der Haken am Pendel abgeschnitten. Trotz dieser Eingriffe und Ergänzungen ist sehr viel Originalsubstanzerhalten geblieben. Die Uhr läuft heute mit einer Laufzeit von etwa 26 Stundeund gilt als außergewöhnliches Kulturgut und „auserlesenes Werk“.

Ergänzend wurden in Axams auch bau- und ausstattungsgeschichtliche Aspekte angesprochen: Für das Jahr 1712 liegt eine Rechnung über den Ausbau der Kirche vor; der Taufsteinist ein Relikt aus dem 15. Jahrhundert und damit Zeugnis der älteren Kirche vor der barocken Erweiterung. Auf den Altären befinden sich Reliquien von Heiligen (nicht von verstorbenen Pfarrern), was die Frage der Verehrung berührt. Technisch auffällig ist ein außerordentlich schweres Zifferblatt, obwohl die Verzierung aus Holz besteht. Ein Innenring am Zifferblatt wurde als sicheres Zeichen für den Minutenzeigerund damit für gesteigerte Genauigkeit gedeutet; in diesem Zusammenhang wurde auch eine alte Zeigerstellunggenannt, bei der der Minutenzeiger kurz und der Stundenzeiger lang war. Außerdem wurde eine Sonnenuhr erwähnt, die 1733 von Peter Anich angebracht wurde.

Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch des Pfarramts (Widum) als Seelsorgeraum. Im Zuge einer Restaurierung wurden dort Malereien aus 1320/1330 entdeckt, dazu besondere Wappen – darunter das älteste Salzburger Wappen außerhalb des Salzburger Raumes – sowie ein vielfarbiger Sternenhimmel. Der Raum war ursprünglich sehr farbintensiv, auch wenn die Farben gelitten haben. Seit der Restaurierung im Jahr 2000steht er weitgehend unverändert. Die Entdeckung selbst wurde als „volle Überraschung“ beschrieben und ist einem Elektriker zu verdanken, der eine Putzabplatzung verursachte und diese ohne Zögern meldete.

Eine inhaltlich stimmige Fortsetzung fand der Tag im Peter-Anich-Museum in Oberperfuss. Das über 100 Jahre alte Dorfmuseum ist Peter Anich (1723–1766) und seinem Helfer Blasius Hueber gewidmet. Anich, bekannt als „Bauernkartograf“, konstruierte früh Sonnenuhren, erhielt später das Patent zur Globusherstellung und schuf den berühmten Atlas Tyrolensis, eine der genauesten Landkarten seiner Zeit. Besonders eindrucksvoll sind die erhaltenen Himmels- und Erdgloben sowie Vermessungsinstrumente.

Abb. 9: Globus von Peter Anich, Foto: Wolfgang Raufer

Am Nachmittag trafen beide Gruppen im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck wieder zusammen. Generaloberin Schwester Pauline führte durch die Mutterhauskirche und erläuterte die Konventuhr von Wendelin Jäger (1883). Der genaue Einbauzeitpunkt der Uhr ist nicht bekannt; sie wurde 1860 übernommen und spätestens mit der Kirchweihe 1883eingebaut. Die Gemeinschaft umfasst 44 Schwestern und zählt zu den wenigen, die die Uhr bis heute zweimal täglich von Hand aufziehen. Das Uhrwerk befindet sich in einem sehr guten Zustand.

Abb. 10: Konventuhr von Wendelin Jäger im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck,
Foto: Wolfgang Raufer

Sonntag, 27. April 2025 – Abreise

Der Sonntag war Abreisetag. Nach einem intensiven Wochenende mit Einblicken in Glockenguss, Restaurierung, klösterliche Kulturgeschichte sowie in herausragende Turmuhren und Uhrwerke blieb der Eindruck eines fachlich wie persönlich bereichernden Treffens. Verbunden damit stand bereits die Vorfreude im Raum, sich im kommenden Jahr in Rothenburg ob der Tauber wiederzusehen.