Tagungsbericht Rothenburg ob der Tauber 2026
Symposion des FachKreises Turmuhren
in Rothenburg o. d. T., 23. – 26. April 2026
Von: Silvio Marugg, Schaffhausen/Schweiz
Fotos: Silvio Marugg, Christine Berger (Abb. 6), Thomas Muff (Abb. 10) und Gernot Dür (Abb. 14)
Ausser dem Interesse an Turmuhren und der Pflege von Bekanntschaften gibt es für mich als Schweizer noch einen weiteren, wichtigen Grund bei solchen Treffen dabei zu sein: Man lernt Deutschland kennen.
Rothenburg ob der Tauber? Wo ist denn das? Nie gehört. Auch dieses Mal haben meine Frau und ich ein paar Tage angehängt und neben Rothenburg auch Nürnberg und Würzburg besucht.
Und wahrlich: eine deutsche Märchen- und Geschichtenwelt! Prunkschlösser, Mittelaltergassen, begehbare Wehranlagen, liebliche Landschaften. Die sachkundige Führung von Bernhard Huber durch Nürnberg und die DGC-Bibliothek wird uns in guter Erinnerung bleiben. Wir haben es genossen und freuen uns jetzt schon auf das nächste Treffen, das 2027 im Großraum Leipzig stattfinden wird. Auch in dieser Gegend waren wir noch nie.
Donnerstag – Begrüßung
„Servus, Griass di, Hoi, Grüezi, Hallo…“ So und ähnlich tönte es bei der Begrüßung von rund 50 Turmuhrenfreunde und -freundinnen untereinander im Tagungshotel Eisenhut. Auch dieses Hotel ist von Geschichte geprägt. Die Liste von Prominenten, Adeligen und Politikern, die hier residierten ist lang. Ein verstecktes Täfelchen in den verwinkelten Gängen des Hotels erwähnt speziell diesen Stammgast: Ritchie Blackmore, ehemals Gitarrist der legendären Rockgruppe Deep Purple.
Nach der Einführung in das Tagesprogramm durch Bettina Motschmann gab es von Gernot Dürr Informationen zum bevorstehenden Besuch der «Meistertrunkuhr» in Rothenburg und der astronomischen Uhr in Bad Windsheim.
Interessengemeinschaft astronomische Uhren
Auf Anregung aus dem Turmuhrenkreis fanden 2024 und 2025 Treffen zum Thema astronomische Uhren statt. Dieses Jahr wurde darauf verzichtet. Stattdessen habe ich über meine Arbeit zu diesem Thema informiert. An den damals definierten Zielen hat sich nichts geändert. In welcher Form diese Interessengemeinschaft weiter bestehen soll, ist noch offen.
Alle Daten hierzu werden vorerst auf diesem Server abgelegt und können da eingesehen und heruntergeladen werden:
Cloud-Speicher: mydrive.ch
Benutzername und Passwort können beim Fachkreis Turmuhren zum Schutz des Servers erfragt werden.
Freitag – Bad Windsheim und Rothenburg
Astronomische Uhr am Rathaus in Bad Windsheim
Der Besuch dieser Uhr war der Auftakt an diesem wunderschönen Tag.
Aus Quellen des Stadtarchives geht hervor, dass es im Rathausprotokoll vom 12. Oktober 1716 der Stadt Windsheim einen Vermerk gibt über das «Aufstellen einer neuen Rathaus-Uhr durch den Uhrmacher Johann Michael Vogler aus Herrieden».
Die originale schmiedeeiserne Uhr steht heute noch im Dachboden des Rathauses und hat sehr grosse Ähnlichkeit mit der Uhr in der Spitalkirche. Entstehung wahrscheinlich 1731. Das Werk war vermutlich bis ca. 1900 in Betrieb.
Um 1900 stellte Großuhrmacher Friedrich Holzöder aus Rothenburg o.d.T. ein industriell gefertigtes mechanisches Uhrwerk im Dachboden auf, welches an das bestehende Gestänge angeschlossen wurde. Zu dieser Zeit ist auch das astronomische Zeigerwerk von Holzöder repariert/ergänzt worden. Dies ist deutlich erkennbar, da im astronomischen Zeigerwerk die Zahnräder in geschmiedeter, und die 1900 eingebauten in gegossener Ausführung sind. Um 1970 wurde die Holzöder-Uhr elektrifiziert. Etwa 1990 wurde die mechanische Uhr stillgelegt und durch eine Funkuhr ersetzt.
Die Anzeige:
- Stunde / Eine Umdrehung in 12 Stunden
- Mondzeiger mit beweglicher Mondscheibe für die Mondphasenanzeige. Eine Umdrehung in 29.51 Tagen
- Sonnenzeiger / Anzeige der Sternzeichen. Eine Umdrehung in 365 Tagen
- Erdscheibe / Eine Umdrehung in 24 Stunden



Schmiedeeiserne Uhr in der Spitalkirche Bad Windsheim
Diese Uhr wurde 1728 installiert. Einmalig ist das über 12 Meter lange Pendel von Johann Vogler. Die Pendelscheibe wurde aus einem alten Mühlstein gefertigt.
Am Ankerrad des Uhrwerks befindet sich die Signatur von Johann Philipp Heberer, der vermutlich das Uhrwerk gebaut hat. Aber auch Vogler kommt als Konstrukteur in Frage.



Die Uhr der Ratstrinkstube in Rothenburg
Zurück in Rothenburg stand der Besuch dieser Uhr an.
Erbaut 1466 als Trinkstube der Ratsherren von Rothenburg wurde 1684 die Schmiedeuhr von Johann Carl Landeck eingebaut. Diese «Grosse Uhr» zeigte die Nürnberger Zeit an und hatte ein Schlagwerk mit 1 – 16 Schläge, beginnend mit dem Tagesbeginn (Morgen-Garaus).
- 1768 kam die Sonnenuhr dazu.
- 1814 wird das Schlagwerk auf 12er Stundenschlag durch Grossuhrmacher Simon Krauss umgebaut.
- 1910 kommt die Kunstuhr «Meistertrunk mit Figurenlauf» von Friedrich Holzöder dazu.
- Seit 2010 ist die Uhrenanlage elektrifiziert, nur die Kunstuhr mit Figurenlauf bleibt mechanisch.
Im 30-jährigen Krieg wurde die Stadt von den Truppen des Generals Tilly erobert. Die Stadt soll durch Altbürgermeister Nusch vor der Zerstörung gerettet worden sein, indem er 3 1/4 Liter auf einmal geleert hatte und damit den feindlichen General beeindruckte.






Samstag – Forchtenberg und Rothenburg
Im ehemaligen Backhaus steht eine der ältesten schmiedeeisernen Uhr. Die eingeschlagene Jahreszahl von 1463 könnte das Herstelljahr sein, aber auch nur ein Reparaturdatum.
1976 wurde die Uhr ausgebaut und 2021 durch Zufall wiederentdeckt. Sie wurde 2018 restauriert und ist mit elektrischem Antrieb wieder in Betrieb.
Da es im Uhrenraum sehr eng war, konnte die Uhr nur in Kleingruppen besucht werden. Man konnte aber in der Zwischenzeit einer spannende Führung durch Forchtenberg beiwohnen und so allerlei Interessantes erfahren. Zum Beispiel auch, dass in diesem beschaulichen Ort Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe «Weiße Rose» aufgewachsen ist.


Der Heilig-Blut-Altar in der St. Jakobs-Kirche Rothenburg
Am Nachmittag konnten wir in abwechselnden Gruppen diesen Altar von Tilman Riemenschneider unter fachkundiger Leitung von Camilla Ebert und Tobias Göttfert besichtigen.
Der Würzburger Bildschnitzer Riemenschneider fertigte diesen Altar, der die Heilig-Blut-Reliquie aufbewahrt, zwischen 1500 und 1505 an.
Der Altar steht im Westflügel der Kirche auf einer Empore. Zwischen 1453 und 1471 wurde die Heilig-Blut-Kapelle als Erweiterung nach Westen gebaut. Da dort eine Strasse dazwischen lag, musste über die Strasse hinweg gebaut werden, um das Langhaus mider Heilig-Blut-Kapelle zu verbinden. Man fährt heute also mit dem Auto unter dem Altar hindurch.


Am Samstagabend fand der traditionellen Sektempfang und das festliche Abendessen im Hotel Eisenhut statt. Wie immer, gutes Essen und gemütliches Beisammensein.
Sonntag – Werkstattbesuch und Heimreise
Am Sonntagmorgen hatte man noch Gelegenheit, die Werkstatt von Gernot Dürr in Rothenburg zu besichtigen, bevor man wieder nach Hause reiste.
Turmuhren-Symposion 2027
Auf Anregung von Bettina Motschmann haben sich Michael und Christian Beck zur Verfügung gestellt, das nächste Treffen zu organisieren. Es findet in Kölleda, Merseburg und Naumburg vom 15. – 18. April 2027 statt.
Silvio Marugg
Juni 2026
