Tagungsbericht Prag/Děčín 2024
Jahrestreffen des FachKreises Turmuhren 2024
im Grand Majestic Hotel in Prag
Klaus Wettwer
mit Bildern von Bettina Motschmann, Thomas Muff und Wolfgang Raufer
Das Symposion vom 25. bis 28. April 2024 führte uns nach Prag und Děčín.


Bettina und Jochen Motschmann hatten schon im Vorfeld Beziehungen zu Herrn David Knespl, Miroslav Baudisch und Petr Skála in Rostock geknüpft. Herr Knespl hatte sich angeboten, Besichtigungen zu organisieren und uns bei den Exkursionen zu begleiten.
Auf Grund einer kurzzeitigen Programmänderung war der Besuch der barocken Bibliothek im Klementinum mit drei astronomischen Uhren des Pater Johannes Klein nur am 24.04.2024 für eine kleine Gruppe möglich. Nur wer schon früher angereist war, konnte infolgedessen den Termin wahrnehmen. Die Bibliothek gehört zu den schönsten weltweit. Vier gewaltige astronomische Uhren stehen auf Prunktischen und können von uns von allen Seiten und in aller Ruhe betrachtet und fotografiert werden. Eine der Uhren ist keinem Uhrmacher zuzuordnen, drei sind von Johannes Klein (1684 -1762; die Uhrwerke sind immer mit einer anderen astronomischen Besonderheit verbunden); eine weitere Uhr von Johannes Klein befindet sich in Dresden.

Der Besuch in der Bibliothek von Schloss Nostitz Maltézské náměstí (Malteserplatz) auf der Kleinen Seite war wegen einer Terminverschiebung nur am Donnerstag (25.04.2024) um 13.00 Uhr möglich.
Während Bettina Motschmann zusammen mit Inge Wettwer die weiter anreisenden Uhrenfreunde begrüßte, führte Jochen Motschmann die bereits Anwesenden zur Schlossbibliothek Schloss Nostitz auf der kleinen Seite. Wir quälten uns über die völlig überlaufene Karlsbrücke.

Große Gruppen von Touristen um einen Stadtführer herum blockierten immer wieder den Weg; aber auch wir sind hier ja Touristen. In der Bibliothek konnten wir Mitarbeitern beim Digitalisieren alter Bücher über die Schulter schauen. In einem kleineren Bibliothekssaal war eine astronomische Uhr in die Wandtäfelung eingebaut. Von dieser Uhr sind Herkunft und Uhrmacher nicht bekannt, und sie wurde noch nie beschrieben.


Gegen 15.30 Uhr – inzwischen waren fast alle Uhrenfreunde angereist – folgten Begrüßung und Aushändigung der Tagungsunterlagen durch die nimmermüden Motschmanns. Um 16.00 Uhr begannen die Vorträge:
- Jochen Motschmann: Anmerkungen zum Zifferblatt der astronomischen Uhr am Altstädter Rathaus“ einen „Lesehilfe“ für die Besichtigung der astronomischen Uhr am Samstag.
- David Knespl und Petr Skala: „Die Restaurierung de astronomischen Uhr am Altstädter Rathaus“ zur Vorbereitung der Besichtigung der astronomischen Uhr am Samstag.
- David Knespl und Miroslav Baudisch: „Böhmische Uhrmacher“.
- Michael Beck: „Jost Bürgi in Prag“. Als Ergänzung zum Besuch im Technischen National Museum
Michael Beck ist Restaurator in der Orangerie in Kassel (die wir bei unserem Treffen in Kassel 2018 angesehen hatten), und wir hörten viel Neues über Bürgi und sein Schaffen. Faszinierend war unter anderem die Spindel einer Tischuhr, die nur 0,7 g wog.

Um 19.30 Uhr fand das gemeinsame Abendessen im Hotel statt. Anschließend klönschnackte man (wie man in Norddeutschland sagt) und fachsimpelte in kleinen Kreisen.
Am Freitag nach dem opulenten Frühstück im Hotel fuhren wir mit einem Bus zum Technischen Nationalmuseum in Prag.

Aufgeteilt in zwei Gruppen besuchten wir die Uhrensammlung und die Sammlung zur Astronomie-Geschichte. In der Uhrensammlung waren Holzräderuhren mit Waag und Spindel, tschechische Tischuhren und der früheste tschechische Marine-Chronometer in Form einer Dosenuhr zu sehen, die laut David Knespl die wertvollste Uhr der Ausstellung war. Natürlich gab es auch Turmuhren; darunter war eine mit einem Remontoir in Form einer Schwungscheibe, außerdem welche von Hainz sowie geschmiedete Turmuhren verschiedenen Alters. Auch Präzisions-Pendeluhren, unter anderem von Riefler waren zu bestaunen.


In der Astronomie-Abteilung sahen wir historische und auch neuzeitliche Vermessungsinstrumente. Viel Raum war Jost Bürgi gewidmet. Er baute hervorragende Instrumente, die ihrer Zeit weit voraus waren. Er erfand zum Beispiel einen Sextanten mit Schlitzverstellung, der von nur einer Person bedient werden konnte, was der Messgenauigkeit zugute kam. Wie schwer es ist, mit solchen Geräten zu messen, zeigte uns ein Quadrant, mit dem wir Besucher einen Stern ‚vermessen‘ konnten. So viele Beobachter, so viele Messergebnisse – wie schwer muss eine solche Messung auf einem sich bewegenden Schiff sein.

Das Museum bietet natürlich noch viel mehr, wie zum Beispiel die Sammlung der Schienenfahrzeuge. Tschechien war sehr innovativ im Dampflokomotivenbau. Aber dafür blieb leider keine Zeit mehr und ist womöglich Anlass für einen weiteren Besuch zukünftig.
Weiter per Bus nach Děčín.



Nach eineinhalb Stunden Fahrt folgte ein etwas mühseliger Aufstieg zum Schloss. Der originale und gut begehbare Zugang wurde gerade restauriert und war deshalb nicht zu nutzen. Oben angekommen erwartete uns das griechische Restaurant ‚Athina‘ zum Mittagessen mit einem reichhaltigen und schmackhaften Buffett. Nach dem Essen gab es wieder zwei Gruppen, eine für die Turmuhrensammlung und eine für die Schlossführung. Die Turmuhrensammlung bestand aus 32 meist tschechischen Turmuhren und einigen elektrischen Uhren.


Eine junge sehr gut deutsch sprechende Frau führte uns durch das Schloss. Sie war mit einem imposanten Schlüsselbund ‚bewaffnet‘ und öffnete uns damit die Türen. Das Schloss wurde über Jahrhunderte von drei Adelsfamilien bewohnt, bis es nach der Besetzung durch die Wehrmacht zur Kaserne verkam. Nach Ende des Krieges zogen die Russen ein und übergaben das Objekt nach ihrem Abzug ausgeplündert an die tschechische Armee. Später wurde das völlig heruntergekommene Schloss restauriert und in den Zustand vor der militärischen Nutzung zurückversetzt. Kachelöfen wurden nach alten Fotos nachgebaut, alle Türen und Zargen und Holzpaneele nach den alten Mustern neugebaut, und auch die Wandbemalungen rekonstruieren die alten Tapetenmuster. Alles in allem ein ungeheurer Aufwand.

Mit dem Bus zurück in wieder eineinhalb Stunden. Der Abend war zur freien Verfügung, und es gibt in Prag ja schließlich noch genug zu sehen.
Samstag nach dem Frühstück stand die Besichtigung der astronomischen Rathausuhr auf dem Programm.

In Kleingruppen von je zehn Personen (für mehr war kein Platz) durften wir das Innenleben der Uhr ausgiebig betrachten, und Zeit, auf den Rathausturm mit dem Blick auf Prag zu steigen, war auch.

Die Prager Rathaus Uhr ist eine astronomische Uhr aus dem Jahre 1410, sie wurde vom Uhrmacher Nikolaus von Kaaden nach den Plänen von Johannes Schindel gebaut. Schindel war ab 1409 Professor für Mathematik und Astronomie an der Karls-Universität Prag tätig. Die Uhr steht an der Südmauer des Altstädter Rathauses. Etwa 1790 kam unterhalb des astronomischen Zifferblattes ein Kalender hinzu. Im Laufe der Jahrhunderte musste die Uhr häufig repariert werden.
Das Zifferblatt und das Uhrwerk hatten durch Kriegseinwirkungen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges sehr gelitten. Trotzdem gelang es schon 1946, das Werk provisorisch in Gang zu setzen. 1948 erfolgte dann eine erste einfache Restaurierung. 2005, als sich die wirtschaftliche Situation gebessert und stabilisiert hatte, wurden Zifferblatt und Uhrwerk komplett überholt und erneuert. In diesem Zustand war nun alles von uns zu betrachten.

Es wurde diskutiert, was neu, was alt und wir alt etwas war. Müssen metrische Schrauben und Muttern sein? Oder sollen gerade sie zeigen, was neu angefertigt werden musste? Fakt ist, das das Gestell noch mit den Brandspuren aus dem Jahr 1410 stammt. Die Uhr ist somit seit 600 Jahren mit kleinen Unterbrechungen in Betrieb. Da muss wohl schon mal etwas erneuert werden. Interessant ist die Steuerung der Uhr durch eine danebenstehende Präzisionsuhr von 1866. Sie hat eine Denison-Hemmung und gibt minütlich einen Impuls an die Großuhr, die somit mit der Genauigkeit der Präzisionsuhr läuft.




Über dem Uhrwerk eine Etage höherkonnte man die zwölf Apostel sehen, die darauf zu warten schienen, nacheinander stündlich über dem Zifferblatt in Aktion zu treten.


Danach Zeit zum Essen, Trinken oder Stadterkunden. Eigentlich bin ich kein Biertrinker, aber bei der Hitze ein tschechisches Bier vom Fass – was Besseres gibt es nicht.


Abends um 19.30 Uhr Sektempfang und nachfolgend das Festessen vom sehr reichhaltigen Büfett. Alte Bekanntschaften wurden aufgefrischt, neue geschlossen und gehofft, sich im nächsten Jahr in Innsbruck wieder zu sehen.
Am nächsten Morgen am Sonntag großes Verabschieden. Viele Umarmungen und Bedauern, dass sich so mancher angemeldet hatte, der krankheitshalber wieder absagen musste.
Zum Schluss möchte ich mich im Namen aller Teilnehmer ganz herzlich bei Bettina und Jochen für die stressige, aufopfernde und unermüdliche Arbeit, die sie geleistet haben, bedanken. Man muss schon ein großer Idealist sein und ein enormes Stehvermögen haben, um eine so famose Veranstaltung durchzuführen.
Danke.




